Auch wenn man ab und an den Eindruck gewinnen könnte, dass Gitarren Goth in der Szene seit einigen Jahren eine wahre Renaissance erlebt, so wird man eigentlich schnell eines besseren belehrt, wenn man sich anschaut, wie viele Formationen in Deutschland tatsächlich noch aktiv und präsent sind, die seit Jahren erfolgreich und konsequent einen solchen Sound abseits des Gothic-Mainstreams zelebrieren.
The House Of Usher bilden da eine sehr löbliche Ausnahme, denn es ist ihnen gelungen, ohne musikalische Trendanbiederung zu einer festen, ernst zu nehmenden Größe im euröpäischen Goth-Underground heran zu wachsen. Zahlreiche Veröffentlichungen und Auftritte auf den größten Szene-Festivals in der mittlerweile 15-jährigen Bandgeschichte belegen das auf eindrucksvolle Weise. Ende November veröffentlichen The House Of Usher mit "Radio Cornwall" nun ihr mittlerweile fünftes Album, das die Gruppe sicherlich nochmals einen gehörigen Schritt nach vorne bringen wird.
Grund genug, Euch die Band anhand eines Interviews mit dem Sänger und Kopf der Band, Jörg Kleudgen, etwas näher zu bringen.
Etoile: Es hat lange Zeit gedauert, aber nun ist Euer neues Album "Radio Cornwall" endlich fertig abgemischt und wird in diesen Tagen veröffentlicht. Welche Gefühle begleiten Euch nach dem langen, sicher nicht immer einfachen Entstehungsprozess?
Jörg: Ich muss schon zugeben, dass kein Album unter so nervenraubenden Bedingungen entstanden ist wie „Radio Cornwall“ und jeder von uns am liebsten mehr als einmal das Handtuch geworfen hätte. Ich glaube, wir hatten alle Probleme, die überhaupt auftreten konnten. Das macht das Album für uns aber um so wertvoller. Als ich die endgültige Fassung zum ersten Mal hörte, fühlte ich nur noch eine große Erleichterung und eine wohlige Gänsehaut.
E: "Radio Cornwall" zeigt eine deutliche Entwicklung im Klangbild der Band, auch wenn THOU ihrem Stil absolut treu geblieben sind. Großen Anteil daran hat sicherlich René, Euer "alter/neuer" Gitarrist, der das Album produziert und dessen Sound maßgeblich geprägt hat. Habt Ihr jemals darüber nachgedacht, wie das Album geklungen hätte, wenn es im alten Line Up eingespielt worden wäre, mit dem ja schließlich damals auch die ersten Songideen ausgearbeitet wurden...?
J: René hat das Ganze aus einer gewissen Distanz betrachtet produziert. Das war für eine nicht ganz einfache Erfahrung, aber die vielen Diskussionen, die wir über den Sound geführt haben, haben letztlich zu einem klasse Ergebnis geführt. Hätten wir nach unserer Cornwall-Arbeitswoche die Aufnahmen zügig im alten Line Up durchgezogen, hätte „Radio Cornwall“ eher wie „Cosmogenesis“ geklungen und es wären eine Reihe anderer Songs auf dem Album gelandet.
E: Mir erscheinen Deine Texte diesmal irgendwie leichter zugänglich und weniger einem bestimmten Konzept zu Grunde liegend, andererseits tauchen viele zentrale Themen, wie die Zerstörung unserer Welt durch wahnsinnige Mächte, auf jedem Album auf. Ist das eine Art roter Faden, der sich durch die meisten THOU-Lyrics zieht? Sind die Texte heutzutage mehr vom tatsächlichen Zeitgeschehen beeinflusst, als es früher der Fall war?
J: Ja, das trifft es genau! Ich habe ja schon immer gerne Geschichten erzählt, aber seit „Inferno“ sind sie mehr aus dem Leben gegriffen. Manchmal möchte ich den Leuten entgegenschreien: „Seid Ihr denn blind? Seht Ihr nicht, was hier passiert?!“. Ich glaube, das Gefühl hatte ich zum ersten Mal nach den Anschlägen des 11. September. Während alle um mich herum vollkommen schockiert waren und man eigentlich nicht so recht wusste, was nun geschehen würde, zeichnete sich eine ganz neue Bedrohung ab, die bis heute von vielen nicht so recht ernst genommen wird. Ich meine damit die Beschneidung der Rechte des Einzelnen zugunsten der „Sicherheit“. Sicher, es gibt die Bedrohung durch den „internationalen“ Terrorismus. Aber die Frage, was denn eigentlich alles unter dem Begriff „Terrorismus“ zu verstehen ist, wird nicht gestellt. Am Beispiel der USA, Chinas und der GUS zeigt sich ohnehin, dass diejenigen das Recht haben, die die Macht besitzen.
E: Traditionelle Gothic Rock-Bands haben es ja schon seit einiger Zeit nicht besonders leicht in der heutigen Szene-Landschaft. THOU sind eine der ganz wenigen Formationen, die in den frühen 90ern angefangen haben und noch heute erfolgreich und kreativ, oder überhaupt existent sind. Was hat Euch (glücklicherweise!) so lange am Leben erhalten?
J: Uns hat wahrscheinlich die Tatsache gerettet, dass wir niemals mit überzogenen Erwartungen an ein neues Album herangegangen sind und deshalb auch niemals Kompromisse eingehen mussten. Wir haben über all die Jahre immer genau die Musik gemacht, die aus uns heraus kam, egal, wie die Verkaufserwartungen aussahen. Weißt Du, wir haben das schon so oft bei anderen Bands erlebt: die Plattenfirma findet Dich interessant, macht Dir Versprechungen, fordert eine Anpassung an den ‚breiteren’ Hörergeschmack, schickt Dich in ein teures Studio, die CD floppt, die Band ist unzufrieden, weil von ihrem Charakter nichts übrig geblieben ist, das Label möchte keine weitere CD mehr veröffentlichen, die Band löst sich frustriert auf. Kein Starruhm, kein Reichtum.
E: Rein oberflächlich betrachtet, gibt es ja seit einigen Jahren einen Gitarren Goth-Hype, der sich aber - wenn überhaupt - fast ausschließlich auf Batcave-, Punk- und Death Rock-Sounds beschränkt. Klassische Goth Rock-Bands, wie es sie gerade Anfang der 90er in England und auf dem europäischen Festland gab, scheinen aber immer mehr in Vergessenheit zu geraten. Hast Du diesen Hype verfolgt, und wie ist Deine Meinung dazu?
J: Ich kann schon nachvollziehen, dass sich mit dem bloßen „Aufwärmen“ dessen, was die Sisters oder Fields vor fünfzehn Jahren gemacht haben, heute nur noch die allergrößten Nostalgiker begeistern lassen. Vielleicht wirken die Batcave- und Deathrock-Bands heute frischer, weil es niemals den großen Boom dieser Richtung gegeben hat, während Bands wie The Mission und die Sisters es ja zu einer Bekanntheit über die Szene hinaus gebracht haben. Als ich das erste Bloody Dead & Sexy-Album hörte, war ich begeistert! Aber vieles aus dieser Ecke klingt auch nur nach frühen Christian Death. Wenn diese Richtung auf die Dauer überleben will, wird sie nach einer Entwicklungsmöglichkeit suchen müssen. Das ist schwierig.
E: Anfang November werdet Ihr eine kleine Deutschland-Tour absolvieren. Erinnerst Du Dich noch an Euren ersten und bisher einzigen Berlin-Auftritt vor über zehn Jahren auf der Insel?
J: Wie könnte ich den vergessen! Ich habe an dem einen Abend so viele Leute kennengelernt, deren Arbeit mich über Jahre beeinflusst und die mich begleitet haben, wie bei keinem anderen Konzert. Wir haben damals mit Sepulcrum Mentis zusammen gespielt, die wir im November in Greifswald wiedersehen werden. Da freue ich mich sehr drauf! Wir werden unseren Spaß haben, und wenn dann noch der Funke aufs Publikum überspringt, haben wir unser Ziel erreicht!
Keep The Fire Burning!
The House Of Usher werden in Berlin am 11.11. in der Kulturfabrik Moabit (Factory) live zu sehen sein! Weitere Tourdaten gibt's auf ihrer Homepage (
Link)