Lola Angst
Oder was Kirchenorgeln mit Sex zu tun haben…


Manche Träume müssen einen langen und steinigen Weg zurücklegen, bis sie endlich Realität werden. So war auch die Veröffentlichung des Lola-Angst-Debütalbum eine allzu schwere Geburt… und das nicht etwa, weil der kreative Prozess bis zum Endprodukt oder die Studioaufnahme eine komplizierte Sache gewesen wären. Nein, ganz im Gegenteil: „The Council of Love“ war bereits Mitte 2005 fix und fertig im Kasten, Videos gedreht, Werbeflyer gedruckt und Tourneen gebucht… alles stand in den Startlöchern, ein Veröffentlichungstermin für Herbst stand bereits fest… und dann fingen die Probleme an! Aber drehen wir doch zunächst die Uhr ein wenig zurück: Als man mich Anfang 2005 zur Listening Session in einen Prenzlauer Berger Hinterhof bat, war ich doch relativ überrascht, als mir Reiner Schirner, seines Zeichens ex-Frontmann der Blind Passengers, und Alexandar Goldmann, der vielen noch als Gitarrist von Feeling B und Mastermind der Industrial-Freaks, Kamikaze 52, im Gedächtnis sein dürfte, die Tür zu einem kleinen Studio öffneten. Der Grund war Goldmanns neues Projekt, ein wunderbar schräg-schönes Mutanten-Baby, das auf den bizarren Namen Lola Angst hört, und das er derzeit mit Schirner in dessen Studio produzierte. Das, was er mir da kredenzte, kann man getrost als „Ohrwürmer aus der Hölle“ oder „Tanzmusik: von Psychatrie-Patienten für Wahnsinnige“ bezeichnen. Die Gitarren hatte Goldmann verkauft, weil er sich seiner frühesten Kindheit besann, wo er sich in einer Kirche seine ersten musikalischen Lorbeeren erspielte, und daher der Verlockung einer ramponierten, 150 Kilogramm schweren Bonsai-Kirchenorgel mit Fußmanualen, die in einem Außenbezirk Berlins, in den man normalerweise nie freiwillig einen Fuß setzen würde, auf einen neuen Besitzer wartete, nicht widerstehen konnte, und all sein Hab und Gut auf eine Karte setzte, um dieses, nach dem berühmten Hit der Kinks liebevoll „Lola“ getaufte, Monstrum zu erwerben. Die Lola wurde flugs MIDI-fiziert, was es Goldmann nun ermöglicht, sämtliche Dinge, die andere Electro-Acts vom Band kommen lassen, live mit Hand- und Fußmanualen zu spielen. Die erste Maxi-CD, die den Hit-trächtigen Titeltrack „Am I Dead?“ enthält, der in etwa so klingt, als hätten die frühen And One schlechte Halluzinogene zu sich genommen, die den durchgeknallten Synth-Pop-Disco-Song immer wieder in schräge Finsternis verfallen lassen, erschien bereits im Frühjahr letzten Jahres auf dem Berliner Label Dark Wings. Das Album sollte dann einige Monate später folgen. Nach durchweg positiven Reaktionen auf die erste Maxi investierte Goldmann buchstäblich sein letztes Hemd in Lola Angst, um sein Baby ordentlich auf den Weg zu bringen. Bis dahin sah alles rosig aus, ein Veröffentlichungstermin wurde festgelegt und viel Zeit und Geld in Werbung gesteckt… um dann, kurz vor dem anberaumten Termin, wie ein Kartenhaus in sich zusammen zu fallen. Von einem Tag auf den anderen meldete Dark Wings Konkurs an, und Mitarbeiter wie Bands saßen auf der Straße … und hingen oft noch in Verlagsverträgen fest. Goldmann, von jeher eine Kämpfernatur, sah es nicht ein, sich sein so hart erarbeitetes Baby so einfach zerstören zu lassen, steckte seine letzten Ressourcen in die Befreiung von Lola Angst… und lebte fortan als Nomade in seinem Nightliner. Als Retter in der Not für das Projekt sprang dann Schirners alter Bandkollege, Nik Page, ein, der die Gruppe fortan unter die Fittiche seines Labels, Wannsee Records, nahm. Ende Januar 2006 kommt „The Council of Love“ endlich in den Handel und ein langer Leidensweg hat doch noch ein glückliches Ende genommen. Ich sprach mit Goldmann bei ein paar Guiness in einer Kneipe in Prenzlauer Berg:
Etoile: du lebst jetzt zum größten Teil in deinem Nightliner, trotzdem hast du bereits Songs für ein zweites Album fertig ... helfen dir Extremsituationen, gute Musik zu schreiben?
Goldmann: Nein ich brauche definitiv keine Extremsituationen, sondern einfach nur Geld. Dann würde ich in der Karibik schreiben. Ich bin obdachlos, und kann mir zurzeit keine Wohnung leisten. Das Hartz-4-Thema habe ich probiert, aber nachdem ich der Bearbeiterin auf die Frage, ob ich denn nicht richtig lesen und schreiben könne, weil ich den Antrag in vier Minuten zusammengekritzelt hatte, einen "Gelben“ tief aus dem Hals fast ins Gesicht gespuckt habe, hatte sich das zum Glück erledigt. Ich bin aber auch kein Indianer, der sich mit Alkohol still halten lässt. Ich scheiße auf Almosen, und lebe lieber in dem Lolamobil... auch wenn ich die 20 Liter Sonnenblumenöl, die es auf 100 km braucht, nicht immer zusammenkriege. Ein bisschen Fasten tut mir auch sehr gut (lacht). Und wer braucht schon Vitamine?
E: Wie kam es zu Lola Angst?
G: Als sich Kamikaze aufgelöst hatten, musste ich mir unbedingt ein neues musikalisches Betätigungsfeld suchen, denn das ist halt alles, was ich kann. Ich habe dann Guerilla-Parties organisiert, die nach dem folgenden Motto abliefen: Lola wurde in irgendeine Wohnung gekarrt und wir haben einen Stamm von Leuten per SMS informiert, wo die Sause steigt. Da habe ich dann zwei hübsche Bondage-Models an die Süße (die Orgel) gekettet, sie gespielt, und danach zusammen mit ein paar Bekannten aufgelegt. Das Event ging so lange, bis die Polizei uns geräumt hat. Diese Parties sprachen sich immer mehr herum, sodass wir nachher immer mehrere 100 Leute und diverse Räumungsklagen am Hals hatten. Durch den großen Erfolg entschloss ich mich, die Sache auszubauen, und konnte Reiner als Produzenten und Mitstreiter gewinnen. Die Parties werden wir allerdings weiterführen… guckt einfach nach unter Link.
E: Hast du Angst vor Lola oder sie vor dir?
Goldmann: Weder noch. Den Nachnamen hat sie auf meinen privaten SM-Parties gekriegt. Ich habe im Suff immer auf das Musikinstrument eingeschlagen, und habe gemerkt, dass sie dabei durch die eingebaute Technik Angstschreie von sich gibt. Es klingt richtig jämmerlich, so, als würde man ein Kind abschlachten. Ich habe das natürlich nicht lassen können, und es macht mir immer noch einen Mordsspaß, Lola zu quälen. Besonders im Delirium.
E: In deinen Texten dreht es sich zum größten Teil... naja... um Sex. Wie stehst Du persönlich zu diesem Thema?
G: Es geht nicht nur um Sex, sondern auch ums Ficken (lacht). Ich liebe natürlich, wie jeder andere normale Mensch auch, den Sekretaustausch. Ich glaube sogar, dass ich hochgradig sexkrank bin. Ich habe da wahrscheinlich ein Phantasiespektrum, das die Seiten dieses Heftchens sprengen würde. Aber doch steht noch über dem Sex die Liebe, die, wenn sie gut praktiziert wird, dessen Möglichkeiten noch erweitert.
E: Wie kam es, dass du nun gerade bei Nik Pages Label, Wannsee Records, gelandet bist? In Lola Angst sind die Passengers ja nun quasi metaphorisch wieder vereint...
G: Das Angebot von Nik war einfach realistisch und sehr ehrlich… keine Haken und Ösen. Ich wusste vorher nicht, was für ein cooler Typ der ist. Da muss ich keine Sorgen haben, beschissen zu werden.
Da Goldmann vor Kreativität nur so überschäumt, ist wohl noch in diesem Jahr mit einem Nachschlag zu rechnen. Daher: Keine Angst vor Lola Angst!

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martin kasprzak


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