Siglo XX
Noch immer auf den Spuren von Joy Division!


Überraschung! Ja, richtig gelesen: Es gibt eine neue CD der 80er-Darkwaver. So neu ist das Material auf der CD “1980-1986 (Early Eighties)“ allerdings nun auch nicht. Vielmehr handelt es sich um eine Zusammenstellung der frühen Vinylwerke jener Band, die über die gesamten 80er-Jahre auf den Spuren von Joy Division wandelte und im übrigen „Siglo Iks Iks“ oder „Siglo Veinte“ ausgesprochen werden möchte. Ein Interview mit dem Sänger der einzig wahren belgischen Gothic-Band, Erik.

Etoile: Was denkst du, warum habt ihr noch immer eine so treue Fanschar? Speziell die Gothic-Szene interessiert sich noch immer für eure dunkle Musik. Hast du überhaupt einen Bezug zu dieser Underground-Bewegung?

Erik: Ich habe auf diese Frage keine vernünftige Antwort parat... Aber ich werde trotzdem versuchen, etwas dazu zu sagen. Ich war niemals scharf darauf, unsere Musik in irgendeiner Form in den üblichen Schubladen und Kategorien einzuordnen. Das hilft zwar, eine Band zu beschreiben und zu vermarkten, aber begrenzt diese auch in ihrer künstlerischen Arbeit. Wenn du unsere Musik über die Jahre betrachtest, wirst du folgende Stilelemente finden: Punk, New Wave, Experimentelles, Sound-Effects, Drum-Machines, Rough & Heavy Guitars, Classical Soundscapes, Rock, Pop, etc. Ist das also Gothic? Ich glaube nicht, dass es in den 80ern eine eigene Gothic-Scene gab. Es war vielmehr alles eine einzige „New Wave“-Scene, um der Sache einmal einen Namen zu geben. Alle Bands haben in den gleichen Clubs gespielt und wurden in den gleichen Magazinen erwähnt. Es war einfach eine gute Mischung aus Bands und Stilen. Eine Evolution nahm ihren Lauf; auch durch die zunehmenden technischen Möglichkeiten durch elektronisches Equipment - Sampler, Computer und Sequencer führten schließlich zu EBM und anderen Stilen, aber auch zu einer noch größeren Indie & New Wave-Szene, sowie zu einfach besser ausgestatteten Home-Studios.

Etoile: Im Zusammenhang mit Siglo XX ist immer von einer großen Band die Rede: Joy Division…

Erik: Nur Guido, unser alter Bassist hat die Band damals live in Brüssel gesehen. Er hat uns damals deren Musik nahegelegt und uns auch ihr erstes Album vorgespielt. Was soll ich dazu noch sagen? Naja, sie waren wirklich ein großer Einfluß für uns. Ich liebe es noch immer, ihre Platten anzuhören!

Etoile: Seit ein paar Jahren sind hier in Deutschland bei Ebay die meisten Siglo XX-Items, besonders die ganze frühen Vinyls und alle CDs, sehr gefragt und dementsprechend teuer. War diese ungebrochene Nachfrage der Hauptgrund für die Veröffentlichung von "1980-1986"?

Erik: Ja, wir haben das mit Ebay mitbekommen - Es ist natürlich eine tolle Sache zu sehen, dass es auch nach den ganzen Jahren noch Leute gibt, die sich für unsere Musik interessieren. Die neue Compilation aber wurde auf Initiative von EMI Belgium, die unser ursprüngliches Label Antler-Subway vor Jahren aufgekauft haben, herausgebracht. EMI re-released zur Zeit aus diesem Grund diverse Alben belgischer Bands aus den frühen Achtzigern zum Low-price.

Etoile: Soll in den nächsten Monaten denn noch mehr von euch wiederveröffentlicht werden? Das gesuchte Kultalbum "Fear And Desire" zum Beispiel? warum habt ihr "1980-1986" überhaupt in dieser Form herausgebracht? Ein „richtiges“ Best Of-Album wäre doch auch nicht schlecht gewesen...

Erik: Um die Dinge einfach zu halten, waren EMI auch nur an unseren Songs aus der Zeit bei Antler interessiert und eben nicht an den Tracks aus unserer späteren Periode bei PIAS, die ja auch besagtes “Fear and Desire“-Album herausbrachten. Mal sehen, ich glaube, wir müssen uns noch einmal in den nächsten Wochen mit PIAS unterhalten!

Etoile: Mitte der 90er-Jahre stoppte PIAS die Herstellung und Auslieferung sämtlicher CDs von euch. Warum?

Erik: Unser Vertrag mit PIAS endete mit der Veröffentlichung des Albums „Under A Purple Sky“ 1989. Wir haben dann im September 1990 ein letztes Konzert gespielt. Ich denke also: Keine Band, keine Bestellungen, keine Verkäufe, keine weitere Produktion. So einfach ist das!

Etoile: Wie bereits erwähnt, wurden eure ersten Schallplatten von Antler veröffentlicht; die späteren Werke dann von PIAS (“Play It Again, Sam”). Beide Labels gelten durch Bands Front 242, Trisomie 21 oder The Klinik eigentlich als klassische EBM-Label. Wie passten da Siglo XX in das eher elektronische Labelprogramm?

Erik: Ich sehe Antler eigentlich gar nicht als typisches EBM-Label. Ich weiß, damit sind sie bekannt geworden, aber am Anfang war das eher ein New Wave-Label mit einer Menge an straighten Punk & Rock-Acts. Das selbe gilt in meinen Augen auch für PIAS. Beide waren strikt “Independent”; genau wie es die meisten Bands damals auch waren. Zusammen schuf man Musik für einen Markt, für den sich die großen Plattenfirmen damals noch nicht interessierten. Wir starteten Siglo XX 1978 als die Punk-Welle über Europa zusammenbrach. Wir habe dann, wie ganz viele andere Bands in Belgien, unsere erste 7“Inch-Single 1980 selbst veröffentlicht; auf unserem eigenen Label "Straatlawaai Productions“.

Etoile: Wie ging es dann nach dieser selbstfinanzierten Single weiter?

Erik: Später 1980 trafen wir Roland Beelen, der gerade einen Sampler mit ausschließlich belgischen Bands zusammenstellte: "No Big Business". Jede Band bekam damals als Gage ein bisschen Zeit bei ihm im Studio, er hatte ein kleines Studio mit einem 4-Spur-Recorder, und man bekam dann von der fertigen LP dann 50 Exemplare zum Verteilen und Verkaufen – Heute wird diese LP unter Sammlern unglaublich hoch gehandelt! Roland wurde ein enger Freund, unser Live-Techniker und so eigentlich das sechste Mitglied von Siglo XX. Zur gleichen Zeit startete er zusammen mit Maurice Engelen (aka Praga Khan) ein Label namens Antler Records. Wir teilten uns auf den folgenden Veröffentlichungen das finanzielle Risiko und hatten von der Labelseite aus alle Freiheiten. Das war immer das wichtigste für uns: Totale Freiheit, was unsere Musik betrifft!

Etoile: Auch eher im elektronischen Bereich beheimatet war dann Mitte der 90er-Jahre die zurecht legendäre CD-Compilation "Call Of The Banshee", wo ihr mit "Dreams Of Pleasure" mit dabei wart? War das vielleicht eine Art kleines Comeback von Siglo XX?

Erik: Unsere Musik auf zusammen mit anderen Künstlern auf Compilations war schon immer sehr okay für mich. Meistens hatten wir damit direkt aber nie etwas zu tun; die angesprochene CD zum Beispiel wurde von Antler abgewickelt. Sie hatten einfach die Rechte an „Dreams of Pleasure”. „Ein kleines Comeback“? Nein, gerade damals stand mir da überhaupt nicht der Sinn nach!

Etoile: Eines eurer populärsten Alben hieß "Under A Purple Sky"; unter dem gleichen Namen existiert heute die Band eures ehemaligen Bassisten. Was denkst du darüber?

Erik: Guido ist noch immer ein enger Freund von mir, er war einer der Gründungsmitglieder der Band in 1978. Ich freue mich, dass er noch immer Musik macht. Dass er sich dafür gerade den Namen ‘Under A Purple Sky’ ausgesucht hat, zeigt, so denke ich, wie wichtig die Zeit mit Siglo XX für ihn persönlich war. Die Band hat sogar eine Version von unserem „Individuality” im Programm..

Etoile: Und, wie sieht es bei dir heute mit einem Comeback aus? Machst du noch immer Musik?

Erik: Ich höre noch immer viel Musik; jeden Tag. Aber das Musikmachen ist für mich persönlich einfach Geschichte. Wir haben 1990 unser letztes Konzert gegeben. An dieser Stelle endete es einfach; auch wenn man niemals nie sagen sollte.


uwe


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