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Plastic Noise Experience Schräges Music-Biz!
 Ein Interview mit PNE-Chef Claus Kruse zur Best Of-CD „Dead Or Alive“ der wavigen EBM-Pioniere.
Etoile: Gleich zur aktuellen CD: Warum der Titel „Dead Or Alive“?
Claus: Die Tracklist ist durch eine Mailingumfrage über Alfa Matrix entstanden. Somit kam die Einteilung in drei Bereiche. "Dead" umfasst die alten Tracks, welche ich noch mal neu aufgenommen habe. Das sollte sich übrigens komplizierter gestalten als zunächst gedacht. Wir hatten damals zu unserem Debüt noch keine Computer sondern produzierten alles tatsächlich auf den Workstations. Ich habe dann alle noch vorhandenen Bruchstücke in mein Cubase SX übertragen und alles wieder zusammen gepuzzelt. Hat aber schlussendlich gut funktioniert. "Alive" sind diverse Live-Tracks, die ich auf Konzerten mitgeschnitten habe. Unsere Konzerte unterscheiden sich ja immer deutlich von den Alben und somit musste zumindest ein kleiner Liveteil her. Die limitierte Version umfasst dann eine weitere CD mit den tatsächlichen Original-Aufnahmen. Diese habe ich allerdings komplett neu gemastert und noch so einiges rausgeholt.
E: Auf dem Cover steht „The Plastic Noise Experience“. Seit wann denn T H E??
Claus: Das THE ist bei der Erstellung des Covers erschienen. Sieht einfach besser aus und somit gab's 'ne kleine Namenserweiterung. Ich bin ja mein eigener Chef. Ich darf so was.
E: Warum hast du von „Moving Hands“ nicht einfach die Live-Version mit Dirk Ivens für die CD genommen? Die ist doch noch immer sehr beliebt und zweitens auch schon länger ausverkauft.
C: Ich habe beide Versionen noch einmal verglichen, musste aber feststellen, dass die aktuellere Version einfach besser klingt. Leider singt auf dieser Version der Dirk nicht mit, aber man kann nicht alles haben.
E: “Dead Or Alive” erinnert auch etwas an die gleichnamige Truppe aus den 80ern („You spin me round“) - ein erwünschter Nebeneffekt?
C: „You spin me round“ war natürlich ein großartiger Track, hat aber mit der Namensgebung des Albums wirklich nichts zu tun. Ich wollte lediglich die Brücke zuwischen den Live-Tracks und den überarbeiteten Versionen schlagen. Das Album hätte auch „Most Wanted“ heißen können, aber „Dead or Alive“ schien mir treffender.
E: Es gibt noch immer keine richtige Internetseite von PNE. Warum? Ist doch eigentlich ein absolutes Muss für jede ernsthafte Band, oder?
C: Ich habe lediglich eine Seite auf der Alfa Matrix-Page. Die reicht mir persönlich auch, da steht alles von Bedeutung. Zumindest, wenn ich denn mal was uploade. Ich persönlich habe tatsächlich viel zu wenig Zeit, um mich darum zu kümmern und halte diese Seiten auch für vollkommen überbewertet. Oftmals bieten sie nur viel buntes Geflacker ohne wirkliche Information. Ich muss da eindeutig Prioritäten setzen und nehme lieber Musik auf, als an einer Homepage zu basteln.
E: Nach ein paar Jahren beim Electro-Label KK seid ihr ja nun bei den Belgiern Alfa Matrix unter Vertrag. Vor KK aber habt ihr bei einer Firma namens Gothic Arts veröffentlicht. Was ist eigentlich mit dem Label passiert?
C: Den Kontakt zu GA Records haben wir direkt nach unserem Labelwechsel verloren. Die Jungs hatten immer große Ziele und somit schnell erkannt das sich mit dieser EBM-Sparte nicht das große Geld verdienen ließ. Später versuchte das Label mit diversen Techno-Projekten den großen Durchbruch, aber ich bin mir nicht sicher ob das jemals aufgegangen ist. Trotz allem muss ich aber sagen, dass wir dem GA-Label vieles zu verdanken haben. Ohne GA hätte es PNE vermutlich nie in dieser Form gegeben. Stefan und ich hatten uns ja mal gerade auf Pump zwei Synthies gekauft und auf die Schnelle ein paar Kassetten aufgenommen. Nach nur drei Monaten hatten wir einen Plattenvertrag und konnten im Grunde nicht mal die Geräte richtig bedienen, da wir nicht mal die Zeit hatten, die Bedienungsanleitungen richtig zu lesen. Ich hatte zum Beispiel die Quantisierungsfunktion erst lange nach der Produktion von der Transmission-LP entdeckt.
E: Ich glaube, den ehamligen Gothic Arts-Inhaber vor Jahren einmal im Zusammenhang mit Betrügereien von Boygroup-Castings im Fernsehen gesehen zu haben...
C: Über dieses Boygroup-Casting habe ich lediglich gehört, dass es eine Berichterstattung im Fernsehen gab... Wenn ich es recht verstanden habe, hatten diverse Künstler ihre CD-Beiträge im voraus bezahlt, um dann auf einer sinnlosen Compilation zu erscheinen. Es kann sogar sein, dass das Werk dann nie erschienen ist, keine Ahnung. Als ich das hörte, musste ich schon schmunzeln. Diese Vorgehensweise ist ja gerade in diesem Business nicht ungewöhnlich, wir haben auch einige suspekte Plattenverträge angeboten bekommen, bei denen wir erst mal zahlen sollten. Warum fallen Leute immer wieder auf so etwas rein?
E: Keine Ahnung, aber wo wir schon bei eher ominösen Labels sind: In den USA veröffentlicht ein Label namens Van Richter eure CDs. Wie klappt da die Zusammenarbeit? Die anderen deutschen Bands des Labels, wie z. B. Girls Under Glass oder Fair Sex, sind weniger happy mit dem Label und seinen Lizenz-Zahlungen...
C: Kurz gesagt, es gibt da gar keine aktuelle Zusammenarbeit. Wir haben dort vor vielen Jahren zwei Veröffentlichungen freigegeben. Alles was später geschah, passierte ohne unsere Genehmigung. Bei der letzten VR-Veröffentlichung handelt es sich somit um ein illegales Bootleg. Dieses Musikbusiness ist schon schräg.
E: Was ist eigentlich aus Deinem ehemaligen Mitstreiter, dem Schizophrenic PAL, geworden? Habt ihr noch Kontakt?
C: Ich kann es Dir nicht sagen, denke aber nicht, dass er noch aktiv Musik macht. Stefan hatte die Band seinerzeit ja auch verlassen, da er nach ca. zehn Jahren andere Prioritäten und Interessen hatte. Nach so einer langen Zeit verändern sich die Dinge. Das ist vollkommen normal und ich kenne auch nicht so viele Bands die nach 15 Jahren noch in der Originalbesetzung spielen. Eine große Veränderung war natürlich, dass Stefan nach Aachen umzog und ich nach Hamburg. In den letzten Jahren hatten wir uns somit nur noch auf Konzerten getroffen, gemeinsame kontinuierliche Aufnahmen waren aber leider kaum noch möglich und so ergab eins das andere. Aktuell hatte Kazim Sarikaya seine Finger mit im Spiel. Kazim treibt mich bei den Aufnahmen sehr an und manchmal auch in den Wahnsinn...
E: Genau, gibt es eigentlich seine eigene Band, die Serpents noch? Die arbeiten ja wirklich schon seit den alten Tape-Zeiten eng mit PNE zusammen.
C: Kazim und ich kennen uns schon seit der ersten Stunde und somit haben wir immer uns gegenseitig wieder ausgeholfen. Ich hatte damals die Produktion des letzten Serpents-Albums bei Out of Line übernommen. Bei der Produktion von „Dead or Alive“ hat Kazim einiges gebastelt. Wir haben eine nahezu identische Rechnerumgebung; das erleichtert vieles.
E: Wie geht’s weiter mit PNE - ein neues Album noch in 2006?
C: In jedem Fall; die Aufnahmen sind fast fertig. Das neue Album wird deutlich rauer klingen als die letzten Veröffentlichungen, das musste einfach sein. Es knüpft direkt an „Dead Or Alive“ an, welches ja hauptsächlich auf dem „Transmission“-Album beruht. Es wird wieder wie üblich eine Coverversion geben. Als Guest Vocals ist diesmal Dominique von Neikka RPM aus New York dabei. Es gibt einen „Old-School-EBM-Disco-Ausflug“, soviel darf verraten werden. Es wird überhaupt sehr EBM-oldschool-lastig. Und dazu kommt noch ein Abstecher zu meinem Sonic UnitProjekt, welches bis heute nie wirklich veröffentlicht wurde. Es war damals allen Labels zu unkommerziell. Bei Alfa Matrix quatscht mir da zum Glück keiner mehr rein und somit wird das Material endlich auch veröffentlich werden.
E: Wieder eine Coverversion also... Welche wird das denn sein?
C: In diesem Jahr musste Donna Summers „I Feel Love“ dran glauben. Das erste mal wird die Version auf der „Extended Electronics“-Compilation in einer speziellen Version erscheinen. Dabei handelt es sich um eine 12“-Variante, die von „Smalltown Boy“ in „I Feel Love“ übergeht; sozusagen als Anlehnung an den damaligen Megamix von Bronski Beat.
E: Da passt die abschließende Frage gar nicht schlecht: Was ist eigentlich mit anderen Band Gaytron? Komplett eingestellt?
C: Es gab das finale Gaytron-Konzert zu Sylvester 2004 in Dessau zusammen mit Spetsnaz. Weitere Aktivitäten sind nicht geplant und auch nicht mehr angemessen. Die Zeiten haben sich schlicht und ergreifend geändert. Während noch vor 15 Jahren und mehr sich verwirrte Skins sich zu Nitzer Ebb und DAF auf den Tanzflächen bewegten, ist das heute nicht mehr der Fall. Zu den Gaytron-Zeiten gab es dann ja auch richtig Krawall, es gab Konzerte auf denen sich kleine Trupps vor der Backstagetür aufbauten. Das war alles recht turbulent.
uwe
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