Boytronic


Neben britischen Helden wie Human League oder Depeche Mode gab es auch in Deutschland in den 80er Jahren drei legendäre Synthie-Bands, die international für viel Aufsehen sorgten: Alphaville, Camouflage und eben Boytronic. Deren unsterblicher Hit „You“ erschien bereits 1983 - Nun folgt mit „Dependence“ ein neues, wie immer voll-elektronisches Werk der seit einiger Zeit in Berlin ansässigen Band.

Boytronic-Mastermind Holger Wobker - Gehen wir erst zurück ins Jahr 1983: Boytronics „You“ liegt schon seit Monaten wie Blei in den Regalen der Plattenfirma, bis zu jenem Zeitpunkt, wo die Band gefragt wurde, ob sie mit dem Song nicht ganz kurzfristig bei der Fernsehshow „Formel Eins“ für die erkrankte Kim Wilde einspringen können. Konnten sie, und, lange Rede, kurzer Sinn, „You“ wurde mit dem fast gleichzeitig veröffentlichten „Blue Monday“ von New Order zu einem der größten Synthie-Hits überhaupt. Auch das dazugehörige Album „Working Model“ avancierte zum Vorzeigewerk des Genres und wurde in den letzten Jahren gleich mehrfach wieder neu aufgelegt.
Nun zu „Dependence“: Wo sieht sich Herr Wobker denn mit Boytronic im Jahr 2006 selbst? Ist die Band Pop, ist sie Retro, ist sie Underground? „Wenn Boytronic als aktueller Pop bezeichnet wird, ist mir das schon recht. Mit dem aktuellen düster-brachialen Underground haben wir wenig zu tun.“ Das mit der Pop-Attitude kann man nur bestätigen, beim Song „We Are Here“ fühlt man sich beim Gesang fast an Chers Gassenhauer „Believe“ erinnert... Holger lacht: „Ich fass’ das einfach mal als Lob auf - Ich finde Cher ganz klasse; hätte auch nichts dagegen, im Alter noch so gut auszusehen. Aber dafür fehlt mir dann doch das nötige Geld!“ Hier schaltet sich auch der ruhige Michael Maria, neben dem Leipziger Avantgarde-Musiker Hans Johm der zweite neue Musiker im Team, ins Gespräch ein: „Bei uns ist der Song in aller Regel komplett fertig bevor es an den Gesang geht. An besagtem Track saßen wir ziemlich lange und haben auch ewig darüber diskutiert, weil sich der Gesang einfach nicht gut in den Song eingefügt hat. Erst dieser spezielle Gesangseffekt, den du angesprochen hast, ließ die Sache wirklich rund klingen.“ Auch ziemlich poppig ist die Hommage an den Italo-Dance der 80er-Jahre, „Little Italian Feeling“, ausgefallen. Zu dem Track soll in den nächsten Wochen auch ein Video gedreht werden; eine Single-Auskopplung ist aber dennoch nicht geplant. Holger erklärt diese etwas widersprüchliche Entscheidung: „Fernsehen ist als Medium für unsere Musik vorbei, dafür würde sich weder ein Video noch eine Single lohnen. Außerdem sieht es beim Radio genauso traurig aus wie beim Fernsehen. Ich bin aber mittlerweile ein großer Fan von YouTube und MySpace: Jeder guckt und hört sich an, was er will! Eine Maxi-CD kommt allein aus Kostengründen nicht in Frage. Wir haben beim letzten Album "Autotunes" gemerkt, dass für uns eine Maxi-CD überhaupt keinen Promo-Effekt hat; trotz VNV Nation-Remix, trotz einer hohen Platzierung in diesen Alternative Charts und einem "Jan Driver"-Remix, für den unser Label Strange Ways allein 10 000 Euro bezahlt hat.“ Geplant ist allerdings doch eine Vinyl-12“ für die DJs.
Keinesfalls vergessen werden darf an dieser Stelle eine Personalie, die es wirklich in sich hat. So nahm Wobker sein Comeback-Album „Autotunes“ zusammen auf mit jenem Hayo Panarinfo, der Ende der 80er Boytronic mit anderen Musikern ganz ohne ihn, den eigentlichen Gründer weiterführte. Dies geschah nach dem üblichen Boygroup-Castingmodell auf Geheiß der Plattenfirma, die damals die alleinigen Rechte am Bandnamen Boytronic besaß. Heute ist Hayo zwar nicht mehr mit in der Band, aber als Betreiber von Major Records nun Label-Chef von Boytronic. Für Holger kein Schnee von gestern, über die miserablen Veröffentlichungen der Band ist er noch immer erbost; er nennt die Band nur „Fake-Boytronic“ und deren Werke verächtlich „wie Modern Talking“ - Persönlich nimmt er seinem kurzzeitigen Nachfolger den geistigen Diebstahl trotzdem nicht: „Wie könnte ich etwas persönlich gegen Hayo haben!!? Wir kannten uns doch gar nicht... Ich bin manchmal halt auch ein praktisch denkender Mensch - Als ich vor ein paar Jahren wieder das Bedürfnis hatte, unter dem ursprünglichen Namen Boytronic zu veröffentlichen, führte halt an ihm kein Weg vorbei, denn mittlerweile gehörte ihm der Name. Wir trafen uns dann, und waren uns auch wirklich sympathisch.“


uwe


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