Massiv In Mensch
Darkrave, kein Futurepop!


Den Beweis, dass sich Humor und ernsthaftes Musikmachen keineswegs ausschließen, liefert schon seit Jahren das vorliegende, nicht unumstrittene Duo. Begannen sie einst mit typischem Dark-Electro, so sind sie jetzt die einzigen Vertreter des selbst-geschaffenen Genres “Darkrave”. Auch stellvertretend für seinen Kollegen Mirco Osterthun äußert sich in den folgenden Zeilen Daniel Logeman zum aktuellen Album „Clubber Lang“, das wie seine drei Vorgänger beim kanadischen Label Artoffact erscheint und hierzulande über das Label der Fair Sex-Macher, Endless, erhältlich ist.

Etoile: Wie erwähnt, gab es nach dem düsteren Debüt “Belastendes Material” Ende der 90er-Jahre einen Wandel zu eher technoiden Strukturen. Wie seit ihr überhaupt zum Techno gekommen? Ihr stammt ja nicht gerade aus einer Metropole für Techno...
Daniel: Gerade Mirco ist mit dem 90er-Techno groß geworden und auch ich habe zwischendurch gerne Techno und Trance konsumiert. Wir waren nie auf eine Musikrichtung festgelegt.
Etoile: Bei der Frage wollte ich eigentlich auch auf etwas anderes hinaus. Ist doch sehr ungewöhnlich, dass ihr beide aus dem gleichen Dorf stammt, euch seit der Schulzeit kennt.
Daniel: Hm, warum ist es ungewöhnlich, wenn man sich seit der Schulzeit kennt? Und Varel ist kein Dorf, sondern eine Kleinstadt zwischen Oldenburg und Wilhelmshaven mit ca. 25.000 Einwohnern. Die Lust, in eine größere Stadt zu ziehen, verspüren wir bislang nicht. Großstädte wie Hamburg reizen zwar, sind aber ja recht schnell zu erreichen.
Etoile: Im Zusammenhang mit Techno - Wie habt ihr den Hype um Futurepop wahrgenommen? Habt ihr davon profitiert?
Daniel: Ob wir davon profitiert haben, kann ich schlecht einschätzen, denke aber nicht. Denn obwohl uns viele in diese Schublade drängen, haben wir mit Futurepop im herkömmlichen Sinne wenig am Hut. Kein Gesang bei uns erinnert an Covenant oder VNV Nation; was die technoiden Beats und die trancigen Melodien angeht, so sind wir viel konsequenter. Wir haben sogar auf unserem zweiten Album den Hinweis “Massiv in Mensch lehnen Weiberelectro ab” stehen – trotzdem sahen uns die Kritiker oft in dieser Schublade.
Etoile: Vom Sinn her sind viele eurer Titel nicht auf Anhieb zu verstehen, besonders “Clubber Lang” macht mir da zu schaffen... Ich denke da speziell bei eurem Sound an Ecstasy und lange Techno-Partynächte. Das ist aber wohl gar nicht gemeint, sondern der Titel hat einen Bezug zum Boxen, wie auch das Cover andeutet.
Daniel: Nun, “Clubber Lang” ist ein hervorragender Albumtitel, denn der Protagonist vereinigt ja ebenfalls rauhe und weiche Elemente. Eben die typischen Klischees eines Boxers, deshalb auch der Titelsong.
Etoile: "Clubber Lang" ist also der Name eines Boxers? Ist das auch der Typ auf dem Cover?
Daniel: "Clubber Lang" alias Mr. T war der Boxgegner von Rocky im dritten Teil der Saga und der eigentliche Held des Films, allein durch seine charismatische Präsenz. Nein, der Typ auf dem Cover ist jemand anders. Das ging natürlich schon aus rechtlichen Gründen nicht, den original "Clubber Lang" abzulichten.
Etoile: Zwei Bands, die bei CD-Kritiken von euch immer wieder zu lesen sind, sind Scooter und Melotron. Seht ihr da auch Parallelen? Überhaupt waren in den letzten Jahren auch immer wieder schlechte Kritiken über euch zu lesen.
Daniel: Hm, also insgesamt gesehen hatten wir bei jedem Release überragende Kritiken. Ich würde fast behaupten, dass wir zu 95% positive Kritiken haben. Die Verrisse sind dann jedoch ziemlich vernichtend, das stimmt schon. Das liegt vor allen Dingen daran, dass unser Humor nicht immer verstanden wird. Zudem wirkt unsere Musik polarisierend. So kommen dann auch die vielen Missverständnisse zu Stande, aber wir haben gelernt, damit umzugehen.
Etoile: Ich glaube, du hast dich etwas vor der eigentlichen Frage gedrückt - Wie ist das nun mit Scooter und Melotron? Verstehst du die ewigen Vergleiche?
Daniel: Eigentlich drücke ich mich nicht davor, denn ich bin bekennender Scooter-Fan. Ich schaue mir gern deren Konzerte und Liveshow an, habe eigentlich alle Alben und Maxis. Die Band wird mit ihrem Humor auch ziemlich unterschätzt. Ich weiß, dass sie sich selbst auch kaum ernst nehmen, aber von Kritikern wiederum viel zu ernst genommen werden. Das imponiert mir. Zudem gibt es wahnsinnig gute Instrumentals und B-Seiten, die immer wieder auch deren Verbindung zu den 80ern und Electro-Wave verdeutlichen. Melotron ist weniger ein Einfluss für uns. Es gibt eine handvoll Songs, die mir gefallen, aber ansonsten haben wir da keine großen Bezüge.
Etoile: Wo wir schon bei etwas trashigen Künstlern sind - Erst bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass ihr auch einen Song von Sandra ("Maria Magdalena") auf dem neuen Album gecovert habt. Wie kam es zu der Coverversion, seid ihr Fans?
Daniel: Ich finde, auch Sandra ist kein Trash - fast ausnahmslos alle Singles waren hervorragend produzierte Popsongs. Sandra hat auch noch vor ein paar Jahren ein völlig unterschätztes Album mit "Wheel Of Time" veröffentlicht. Ein klassischer Megaflop - dennoch ein großes elektronisches Album. Ich steh auf gute Popsongs. Sandra hat dies für mich verkörpert, deswegen die Wahl für "Around My Heart", meiner Lieblings-Single von ihr.
Etoile: Erklärte Fans seid ihr auf jeden Fall vom EBM-Pionier Tommi Stumpff; auch wenn man das vielleicht nicht unbedingt raushört. Was fasziniert euch an diesem ungewöhnlichen Künstler?
Daniel: Tommi Stumpff auf EBM zu reduzieren, wäre total falsch. Ursprünglich kommt er ja aus der Punkbewegung und die Kompromisslosigkeit, die aus dieser Zeit rührt, zog sich durch alle seiner Alben. Das ist schon etwas, das imponiert. Zudem hatte auch er einen großartigen Sarkasmus an den Tag gelegt. Insbesondere gefallen uns die beiden letzten Alben: "Alle sind tot!" und "Trivial Schock" - Ich glaube, wenn man diese Alben hört, dann weiß man warum wir ihn verehren.


uwe


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