Hotel Tokio
Auschecken, bitteschön.


Ich habe schon lange nicht mehr so herzlich mit "So schön" das Denken begonnen, um dann schnellstmöglich mit "scheiße." den perfekten Halbsatz, so ganz ohne Verben, zu seinem Ende zu bringen.

Die sicherlich schon seit Kindergartenzeiten, also noch nicht sehr lange, befreundeten Geradeso-Teens von der ebenso sicherlich wieder verschwinden werdenen Band Tokio Hotel beteenpoppen eine großräumige Luftzirkulation der unteren Troposphäre im Gebiet der Tropen und Subtropen, weiß ich nach meinem kurzen Wikipedia-Besuch. Wissen die das eigentlich auch?
Der Frontmann, nein, Frontmann ist nicht das richtige Wort, Bill jedenfalls, singt, als hätte er seine Pubertät noch vor sich. Er schmachtet irgendwie semi vom Durch-Den-Monsun-Laufen, was bei der anzunehmenden Größe des tropischen und subtropischen Gebietes anstrengend werden könnte, während im Hintergrund Georg, Gustav und Tom ihrer Größe nicht angemessenes Instrument bedienen. So weit, so egal. Nein, unegal. Es fällt nämlich auf, dass das Blag der gleichermaßen grandios egalen Christina Stürmer ähnelt und damit die Einfältigkeit deutschen Popgutes zu neuer Qualität schrammelt.
Heino hat sich jüngst als Bundesliedgutbeauftragter empfohlen und dem Ruf sollte man doch unbedingt folgen, geradewegs in den Abgrund. So verzweifelt darf man bei alledem ruhig sein. Auch die immer mal wieder auflodernde Debatte um eine Deutsch-Quote im Radio jodelt noch nach und man fragt sich doch unweigerlich: Wozu? Die Werbeunterbrechungen bestehen im Musikfernsehen doch meistenteils aus in hauptschuldeutsch vorgetragenem Schund. Täglich kommen neue, ganz bestimmt nicht gecastete Jungspunde dazu. Dabei sind Juli und Silbermond noch die nettesten Erscheinungen.
Tokio Hotel nun wieder, die schreiben sogar ihre Texte selbst. Hui. Und ihre Songs rütteln auf. Hui, hui. Ein Pressetext, der seinesgleichen sucht.
Warum nun allerdings rund 120 Menschen bei der Universal in Berlin arbeiten, bleibt ein Rätsel. Es kann sich dabei doch nicht nur um Putzfrauen handeln. Zumal die bessere Pressetexte schreiben würden. Mindestens so gut, wie die superben Lyrics des unsagbar plem plemmen Danzel. Pump it up und Hands (oder Hans?) in die Air. Eine seit langem überfällige Aneinanderreihung der sinnfreiesten Dancefloor-Parolen aus den letzten fünfzehn bis zwanzig Jahren, dargeboten vom pornobebrilltesten, und obermacke grinsensten, was die Musikszene in eben dem Zeitraum zu bieten hatte, verteilt über ganze zwei Singles.
So ein Morgen mit vier Musiksendern, die letztlich dem selben Konzern gehören, kann schon schön sein. Zwischendurch türülüt herzwiederwärmend Gwen Stefani ihr genau dasses "Cool" zwischen die schon wieder einzigartige Katastrophe, die doch bitteschön oben benannte Bands hätte wegspülen können, ja müssen. Das "Cool"-Finale Frau Stefanis, die ihre ja eigentlich doch auch irgendwie Rockband mal etwas stiefmütterlich behandelt, mündet dann auch in einer fabelhaften Synthiewoge der Begeisterung. Herr Moog hätte es sicher ganz prächtig gefunden. Der ist aber leider jüngst verstorben. Kann man verstehen.

Alles in allem nimmt es dann schon ganz ordentlich wunder, dass Green Day die frischesten internationalen Was-Auch-Immer-Awards mehrfach gewinnen durften, derweil national niemand auch nur ansatzweise den Goldenen Heino verdient hätte. Außer vielleicht Wir Sind Helden, aber die wissen´s ja schon.


the dirkness


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