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Digitale Theologie oder Der tiefere Sinn eines jeden Films
„Weißt du eigentlich, was der tiefere Sinn eines jeden Films ist?", fragt der melancholische Regisseur seine Hauptdarstellerin in dem Film „La femme publique" (1984). Die Antwort gibt er selbst: „Er soll die Erinnerung an unsere Toten bewahren. Es ist das einzige Mittel, das wir erfunden haben, damit unsere Toten weiterleben. Marilyn ist tot, Gabin, Jaubert, Vivien Leigh, Raimu und - ich."
Wenn ein Historiker in - sagen wir - tausend Jahren auf unsere letzten zwei Jahrhunderte zurückblickt, wird er es dann als Zufall ansehen, dass im 19. Jahrhundert, als Technik und Wissenschaft sich breitenwirksam gegen die Dominanz religiöser bzw. metaphysischer Weltauslegung durchsetzte -, dass in genau diesem Jahrhundert die Photographie erfunden wurde? Ein Medium, das eine Verewigung von bis dahin nicht gekannter Exaktheit ermöglichte, während man gleichzeitig das "Ewige" auf metaphysischem Sektor demontierte. Mehr noch: Die Photographie entwickelte sich innerhalb einer Generation vom starren zum bewegten Abbild, brachte den Film hervor. Dies geschah am Ende jenes umwälzenden Jahrhunderts, als dessen Höhepunkt. Als bislang unerreichter Kraftakt einer technischen Theologie. Jetzt war der Tote in seiner Anatomie, seinen Bewegungen, seiner Stimme verewigt. Die oben genannten Personen mögen tot sein, aber ihre auf Zelluloid verklärten Leiber lagern in irgendwelchen Archiven und können jederzeit wiederbelebt werden. Ein Filmarchiv, das ist das moderne Jenseits. Ein riesiger Friedhof mit gigantischer Wiederauferstehungsmaschinerie, genannt Vorführraum.
Betritt man so ein Archiv, ist man zuerst enttäuscht. Das Jenseits mit Himmel und Hölle hatte man sich spektakulärer vorgestellt. Hier scheint die von Cocteau prognostizierte unerträgliche Langeweile der Ewigkeit erfahrbar zu werden. Aber der Schein trügt. Sobald der Projektor läuft, stehen sie wieder auf: die Toten in ihren Höllen und Paradiesen. Dabei wird Plato umgedreht: Die Abbildungen sind nicht zeitlich-vergängliche Manifestationen ewiger Ideen, sondern die Abbildungen sind das Ewige, während das Vorbild, das Original der Zeitlichkeit zum Opfer fällt. Demnach wären die Filmhistoriker die heimlichen und eigentlichen Theologen unserer Zeit und die Cineasten müssten als unbewusste Nachfolger der Mystiker bezeichnet werden. Der syrische Mystiker Dionysios Areopagita (6. Jahrh.) verglich das Wesen der Gottheit mit dem Licht bzw. dem Sonnenstrahl, der das Dunkel der Welt erhellt. Diese mittelalterliche Lichtmystik findet im Lichtstrahl der modernen Laterna Magica, des Filmprojektors, ihr materielles Äquivalent: ein Lichtstrahl, der Bilder aus dem Jenseits in den dunklen Raum der Gegenwart projiziert, um dort die tiefsten Emotionen aufzuwühlen. Und was ist das Jenseits anderes als Vergangenheit, real existent und doch unerreichbar?
Freilich scheint alles darauf zu deuten, dass der alte Zelluloidfilm mit seinen Projektoren bald endgültig das Zeitliche segnet und von der Digitaltechnik abgelöst wird. Immer mehr Filme existieren ausschließlich auf DVD oder auf Festplatten. Das ist ohne Zweifel ein Fortschritt, nur: Die Informatik verspricht manchem Zeitgenossen noch mehr. Eine tatsächliche Auferstehung der Toten. Wenn sich der gesamte Mensch mit Körper, Geist und Seele auf ein komplexes Zusammenspiel von Informationen reduzieren lässt, wieso sollte dieses Informationsspiel nicht irgendwann, in einem zukünftigen Megacomputer rekonstruierbar sein? Eine digitale Auferstehung stünde dem Menschen bevor. Freilich nicht mehr in einem Körper aus Kohlenstoff, aber auf die materielle Grundlage des Informationsaustauschs kommt es laut Anhänger dieser neuen Metaphysik ohnehin nicht an. So wird nicht mehr nur das Abbild, sondern der Originalmensch wieder auferstehen: Marilyn, Gabin, Jaubert, Vivien Leigh, Raimu und - ich. Freilich könnten da leise Zweifel laut werden. Beispiel: Wenn die Technik so weit entwickelt ist, mich nach dem Tod durch Rekonstruktion meiner Informationsprozesse erneut zu erwecken, müsste das auch bereits zu meinen Lebzeiten möglich sein. Das heißt, es ließe sich ein Duplikat von mir erstellen, dessen Informationsvernetzung weitgehend mit meiner identisch wäre. Trotzdem wäre diese Duplikat nicht mit mir identisch. Ich könnte ihm z.B. auf der Straße begegnen und würde es als "fremde" Person erleben. Daraus ergibt sich die Frage, ob meine Identität ausschließlich aus der Summe von Informationsprozessen erklärbar ist. Oder ob der Mensch, ganz gleich wie weit die Informatik noch vordringt, trotzdem ins Kino gehen muss, um das Maximum an Unsterblichkeit zu erfahren.
Harald Harzheim
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