Fraktale IV - tod
25 Positionen zeitgenössischer Kunst zum Phänomen Tod im Palast der Republik


In ein todgeweihtes Gebäude, das den Untergang einer gesamten Epoche repräsentiert und seit der Asbest-Therapie nur noch als Gerippe vor sich hinvegetiert, ist nach dem Berg-Projekt nun endgültig der Tod eingezogen.

„Viele pragmatische Menschen behaupten ja, nach dem Tod komme nichts, aber das 'Nichts' ist ja das esoterischste überhaupt, oder hat jemals jemand das 'Nichts' gesehen?“ (Jonas Burgert)

Die Ausstellung bildet den vierten Teil der Reihe Fraktale, die sich vorgenommen hat „in einer Zeit des Wertverlustes substanzielle Fragen an die menschliche Existenz zu formulieren. “Als eingefleischte Anhänger der memento-mori-Tradition applaudieren wir diesem Vorhaben, denn es regt nicht nur die Reflexion über einen wesentlichen Aspekt des Daseins an, den die moderne Spaßgesellschaft penetrant verdrängt, sondern schlägt auch einen ungewohnt erhabenen Ton an."
Die Erklärung seitens der Künstler über ihre eigene Vermessenheit, eines der ganz großen universalen Themen zum Gegenstand ihrer Ausstellung zu wählen, verdient unsere uneingeschränkte Sympathie: „Es ist besser, das zu große Thema anzugehen und zu scheitern, als angstvoll zu kneifen und sich in die Schubladen der Kunstkritik zu verkriechen, die vorgeben, was man tun und was man nicht tun darf. Wir sind vielleicht das Gegenteil von ‚understatement’. Unsere Hoffnung ist es, grandios zu scheitern. Und wenn nur ein kleiner Krümel an Erkenntnis bleibt, ist das wichtiger als der Applaus Tausender für Beliebiges“ (Burgert). Wie ich zu erkennen vermeine sind hier Brüder im Geiste am Werk, Künstler mit einem metaphysischen Anliegen, und das ist nicht alltäglich. Das Bekenntnis zu einer Welt jenseits des Sichtbaren und (Be-)Greifbaren charakterisiert den Anspruch der Fraktale seit ihren Anfängen: „Es gibt eine transzendente Welt, die die unsere begründet. Der unsichtbare und unaussprechbare Bereich zwischen den Dingen ist ein Faktum.“ Von derart unzeitgemäßem Geiste beseelt überrascht es nicht, dass Fraktale IV den Blick auf einige wirklich sehenswerte Werke ermöglicht. Die vielleicht eindrucksvollsten und auch poetischsten Arbeiten knüpfen dabei an traditionelle Vorstellungen an, und bewegen sich zwischen der Angst vor dem Tod und der Hoffnung und der Sehnsucht nach einem schöneren Jenseits. Besonders hervorzuheben sind hierbei „Die schwarzen Bilder“ (Ruprecht von Kaufmann), das wächserne geflügelte Chaos mit Engeln und toten Vögeln von Ingolf Keiner (gleichzeitig Kurator der Ausstellung), und die Installation von Wiebke Maria Wachmann, die den Betrachter blendet mit einer weißen Waldlichtung, die in gleißend hellem Schein erstrahlt, gewissermaßen als Fenster ins Jenseits zwischen Hoffnung, Trost und sublimer Schönheit. Die Anknüpfungspunkte an barocke Spiritualität in der christlichen memento-mori-Tradition (Stephan Huber) - allseits bekannt aus diversen Gebeinkapellen und Kapuzinergrüften - tragen schließlich zu einem allgemeinen Gefühl der Vertrautheit mit den Phantasien und Formen bei, die in dieser bemerkenswerten Ausstellung verhandelt werden. Ob es nun ein Zufall ist oder tatsächlich eine neue Suche nach Tieferem kennzeichnet: jedenfalls ist es sehr beruhigend, dass religiöse Motive wie der Vanitas-Gedanke ("Vanity" in der Deutschen Guggenheim) sowie die explizite Meditation über den Tod in der Fraktale IV die zeitgenössische Kunst und damit vielleicht auch wieder den Rest der Gesellschaft zu etwas mehr kontemplativem Geist herausfordern.


Lolita Rossignol


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