|
Der Herr der Dinge Auf der Suche nach dem Sinn im Urnenland
Deutschland hat gewählt und entgegen der bundestagsläufigen Meinung steht der Gewinner bereits fest. Ob er dafür allerdings einen Blumentopf bekommt, bleibt abzuwarten.
Zumindest verloren fraktionsübergreifend alle Parteien einerseits Wählerschaft oder andererseits an Ansehen beim Souverän. Die unglücklichsten wahrscheinlich beides und ihnen dräut zudem das Karriereende. “Die Gepflogenheiten” (Angela Merkel) “gebieten es” (Joschka Fischer) jedoch, “zunächst einmal” (Guido Westerwelle) dem “Sieger” (Gerhard Schröder) zur Ehre gereichendes herunter zu floskeln. Er habe wohl bereits vor der Wahl fest gestanden, ließe sich da anbringen, ebenso, freilich, dass er strahle, der Sieger und man ihm natürlich gratuliere. Doch recht eigentlich geht es beim Urnengang nicht darum, zu gewinnen oder zu verlieren sondern vielmehr ums Verstandenwerden. Und den Floskeln wohnt ein schwarzer Zauber inne. Der nämlich, dass an all dem nur nichts dran ist.
Weit entfernt vom Siegesrausch also eine kleine Wahlanalyse, die ebenso fern der allgemeinen Medienstimmung ist, wie der Kanzler vermeintlich am Wahlabend der Realität war. Allenfalls, so könnte man meinen, hatte er die Vorzüge einer Jamaika-Koalition getestet, an der er, wenigstens das scheint gewiss, nicht partizipieren würde. Dass ihm Realitätsbefremdlichkeit beschieden ist, dem Gerd, scheint ob der momentanen Lage, auch seiner Genossen verständlich. Doch sollte man nicht ihm allein das Entrückte attestieren, welches hierbei eine Therapie nach sich ziehen sollte. Vielmehr entronn einer jeden ruhigen Hand das politische Gold in einem Guss. Nämlich die geistige Handlungsfreiheit.
Eine Anekdote hielt die nächste an der Hand. So fand sich Frau Merkel nach einem reichlich zerknirschten Siegestaumel zu Konrad-Adenauer-Hause im ARD Wahlstudio ein, um dort, weit verkaterter, ihren Kanzlerinnenanspruch mit einer kurzen Pause und vielfragendem Blick zu einem gewohnt feuchtlippigen Roland Koch zu, nun ja, bekräftigen. Der geleitete sie einen Moment später zurück ins politikverdrossene Getümmel, dass es Laienpsychologen die Freudentränen in die Augen treibt. Der hessische Ministerpräsident mit allerhand Regierungsambitionen schob die Pfarrerstochter sanft am Ellenbogen durch die Postdemokratieausübungswirren.
Guido Westerwelle seinerseits nannte die grandios an ihren Ansprüchen gescheiterte wieder einmal Angelika Merkel, wobei sie ja Duzfreunde sein sollen. Nichts neues also. Doch der angeblich vom 2002er Spaßwahlkampf geläuterte fiel in Nuancen zurück in seine damalige Rolle und hielt schwachbrüstig dem, sicher etwas durchgedrehten Kanzler ein “Ich weiß ja nicht, was sie vor der Sendung gemacht haben” unter die Nase und erging sich den gesamten Abend in feinen Rückfällen genannter Art. Nebenbei klingt das große Wort Respekt aus seinem Munde doch bemerkenswert bayrisch.
Edmund Stoiber schwankte zwischen Schadenfreude, der dezenten Überheblichkeit des im sicheren Boot sitzenden, da er seinen Berlinumzug weiter vertagend von den Grundzügen der künftigen Regierung abhängig macht und aber der klaren Gewissheit über die Niederlagen, die er bis zur Bekanntgabe des vorläufigen amtlichen Endergebnisses über Monate ähmend hinnehmen durfte. Überhaupt weht durch die schwarzen Fraktionsreihen der Hauch des politischen Todes. Im Schatten des Sensenmannes indes - Friedrich Merz, der Rabauke.
Joschka Fischer tritt dafür zurück. Wovon? Vom gefühlten Erfinderstatus und Übervateramt im Grünen. Doch bis hierhin zog er noch mal vom Leder, wie es selbst gestandensten Spontis nicht wirklich ähnlich sieht. Auch genoss er in vollen Zügen, und dabei von Gerhard Schröder süffisant flankiert, wie sich Guido Westerwelle, zwischen gepolsterten Regierungsstühlen und berüchtigt harten Oppositionsbänken sitzend, für unumgänglich hielt, derweil sich Stoiber und Merkel alles andere als, nebenbei bereits in Schlauheit umgedeutete, staatsmännlich und -weiblich gerierten, ja, Hans in die Luft guckten. Ihnen fehlten schlicht die Worte. Für das eigene Unvermögen und für einen Gerhard Schröder, der sicherlich ordentlich psychedelisch und völlig von der Rolle scheinend, aber schon einige Planspiele gewonnen habend, Hartmann von der Tann und seinen Beisitzer anpatzte. “Ihre Probleme mit der Intellektualität in allen Ehren, aber...” hub er an und meinte neben dem Moderatorengespann, etwas weniger blasser Natur als ihre Kollegen in den letzten Wochen, auch seine Gegenüber.
Gewonnen hat nun der Wähler. Aber was? Nun, großes politisches Kabarett und eine Niederlage, die fast schon Spaß machen könnte. Denen, die glauben, den Wähler zu verstehen, dabei zusehen zu können, wie sie jegliches Fettnäpfchen links vom Weg und rechts erwischen, vertreibt auch einem Hartz IV-Empfänger die Zeit bis zur nächsten Wahlsendung. Nach der Vertrauensfrage ist eben auch vor der Vertrauensfrage. Einen Blumentopf gewann der deutsche Wähler also, bepflanzt mit dem besten, was die Heimat des Reggae zu bieten hat.
the dirkness
zurück
|