King Kong
Der gigantische Appetizer für einen Kultklassiker


New York 1932. Bleiern lastet die Weltwirtschaftskrise und kein Ende ist abzusehen. Die junge Ann Darrow muß stehlen, um nicht zu hungern. Sie wird erwischt, aber ein Fremder verhindert die Inhaftierung und lädt sie auf einen Kaffee ein. Natürlich ist Hilfe von Männern nie kostenlos. Schon nach wenigen Schlucken bietet er seinem Schützling Arbeit an. Nein, er ist kein Zuhälter. Viel schlimmer. Er stellt sich als der berühmte Dokumentarfilmer Carl Denham vor. Spezialgebiet: wilden Tiere in den tiefsten Urwäldern mit der Kamera aufzulauern. Jetzt folgt er wieder einer heißen Fährte: Auf einer Karte, die durch dunkle Kanäle zu ihm gelangt war, fand er eine geheimnisvolle Insel. Dort sollen Eingeborene den riesigen Affengott Kong verehren. Dieses Vieh muß er filmen! Und Ann soll mit, denn Filme ohne Frauen verkaufen sich nun mal nicht. Ann willigt ein (Arbeitslose haben einfach keine Wahl!) und die Abenteuerreise beginnt. Tatsächlich gelangen sie zu der Insel, tatsächlich feiern die Eingeborenen dort eine Zeremonie für ihren Gott und - wollen ihm Ann als Opfer darbringen. Was ihnen auch gelingt. Aber Kong verschlingt die schreiende Opfergabe nicht, sondern verliebt sich in sie... So mutiert Anns Jobsuche zu einer Reise in die tiefsten psychosexuellen Abgründe der abendländischen Seele.

Nach über zehn Jahren war es soweit: Am 14. Dezember startete weltweit Peter Jacksons „King Kong"-Remake. Es ist bereits die dritte Verfilmung des Märchens von der riesigen Bestie und der blonden Schönen. 1932 wurde es von Merian C. Cooper und Ernest B. Schoedsack erstmals auf Zelluloid gebannt. Bis heute gilt diese Version als einer der großen Klassiker des Horrorfilms. John Guillermins Remake (1976) mit Jessica Lange fokussierte die in der ersten Version nur latent vorhandenen sexuellen und melodramatischen Aspekte. Aber diese zweite Verfilmung funktioniert weder als Horrorfilm noch als Tierporno noch als Heulschnulze. Spektakulär ist lediglich die Szene, wo der Riesenaffe mit Flugzeugen auf dem - damals noch frisch erbauten - World Trade Center abgeballert wird. Aber der Mehrwert dieser Sequenz ist ausschließliches Resultat des 11.9. Zumal das Empire-State Building aus der ersten Version für die Fans ohnehin King Kongs wahrer Wolkenkratzer geblieben ist. Und den erklimmt er auch wieder in Peter Jacksons zweiter Neuauflage.

Der 32er „King Kong" ist Jacksons lebenslänglicher Lieblingsfilm. Schon als Teenie drehte er eine Super 8-Version des Stoffes und in Frühwerken wie „Braindead" finden sich stetige Anspielungen auf das Kultwerk. 1996 verfertigten Jackson und seine Frau Frances Walsh das Drehbuch für eine neue Version. Obwohl das Produktionsstudio bereits grünes Licht gegeben hatte, wurde das Projekt kurz vor Drehbeginn gestoppt. Grund: Tim Burtons Remake von „Planet of the Apes" ging an den Start und die Produktion wollte nicht mehrere Affenspektakel in einem Jahr miteinander konkurrieren lassen. Jackson kurbelte stattdessen „Lord of the Rings" und stieg damit in die erste Regieliga auf. Jetzt konnte ihm niemand mehr ein Projekt ausschlagen. Ergo nahm er seinen alten Traum vom König Kong wieder auf. Aber es war nicht mehr der gleiche Traum, Jackson hatte sich verändert. Während ihn früher die technischen Spielereien des Mediums faszinierten, habe er bei der Arbeit an „Lord of the Rings" dessen emotionale Qualitäten kennen und lieben gelernt - sagt er. Aber so ganz glaubt man ihm das nicht. Man denke nur an den preisgekrönten „Heavenly Creatures" (1994), der bereits ganz unspektakulär und sensibel die Geschichte zweier weiblicher Teenager zeigt, die sich in phantastischen Traumwelten verlieren. Da wird Emotionalität bereits ganz groß geschrieben. However. Jedenfalls verfasste das Ehepaar Jackson/Walsh ein völlig neues Drehbuch. Denn das erste Script war trotz origineller Adaption der Story primär eine Parodie gewesen. Ein High-Budged-Braindead, wenn man so will. Ohne tiefe „emotionale Wahrheit(en)". Obwohl es anderseits Aspekte aus dem 32er Treatment von Edgar Wallace übernahm, die in der damaligen Verfilmung unter den Tisch fielen. (Ja, richtig gelesen. King Kong basiert weitgehend auf einer Idee des weltberühmten Krimiautors Edgar Wallace. So ist er nach J.R.R.Tolkien der zweite englische Bestsellerautor, den Jackson verfilmt.) Bei Wallace trägt King Kong z.B. starke Züge des väterlichen Beschützers, rettet seine Ann sogar vor einer Vergewaltigung. Jackson, dessen Filme stets das Erwachsenwerden, die notwendige Loslösung von den Eltern thematisieren, biss da natürlich an. King Kong wird in seiner ersten Drehbuchfassung für Ann zum Vaterersatz. Ob sie nach dessen Tod zu einer emotionalen Freiheit inklusive sexueller Beziehung findet, bleibt offen. Aber wie gesagt: Diese Fassung wurde von Jackson verworfen, während die neue sich sehr exakt an dem 32er Erstling orientiert. Nicht nur bezüglich Story, Zeit und Ort der Handlung, sondern bis in Einstellungen und Details. Streckenweise wirkt er wie eine technisch aufgerüstete Kopie des Originals. Was war Jacksons Absicht? Keinesfalls möchte er sich mit der frühen Version anlegen. Im Gegenteil, er sieht seine neue Version als Appetizer für das Original! Weiß er doch zu gut, daß viele Jugendliche sich die antike Version nicht ansehen, nur weil es sich um einen Schwarzweißfilm handelt. Ködert man diese Zielgruppe aber mit einer technisch aufgerüsteten Farbverfilmung des "Jurassic Park from Hell" (Jackson), greift sie in der Videothek vielleicht auch zum Klassiker... Kurzum: Jackson will mit seinem Remake die heutige Jugend zum Konsum der 32er Version verführen. Dem Mann scheint die Reputation seines Kultfilms wirklich am Herzen zu liegen. Daß sein "King Kong" aber pure Propagandadienstleistung für die Erstverfilmung darstellt, kann bezweifelt werden. Bereits der Trailer zeigt neben den farbigen Kopien der Originaleinstellungen eigene, faszinierende Bildvisionen. Man erinnere sich z.B. an das trancehafte Eingeborenenmädchen, das langsam den Arm hebt und auf ein Geheimnis hinzuweisen scheint. Nur wenige solcher Zutaten könnten die Subtexte des Originals bis zur Unkenntlichkeit erweitern, unterspülen oder vertiefen.

Zu den Schauspielern: Ursprünglich sollte die weibliche Hauptrolle mit Kate Winslet besetzt werden. Die hatte Jackson mit „Heavenly Creatures" fürs Kino entdeckt. Aber da Jackson den Film zunächst nicht drehen konnte, spielte sich die Winslet mit „Titanic" (1997) in die Staretage. Jetzt hat Naomi Watts die Hauptrolle übernommen. Vielleicht verfügt Frau Watts nicht über Fähigkeit und Ausstrahlung der Winslet, dafür erinnert sie in manchen Szenen ein wenig an Fay Wray, die Darstellerin der 32er Verfilmung. So wurde auch sie zum Appetizer, die neugierig oder hungrig auf das Original machen könnte.
A propos Fay Wray. Jackson hatte für die inzwischen 96jährige erste Braut des Riesenaffen einen Gastauftritt vorgesehen. Im Finale sollte sie vor dessen Leiche stehen und den berühmten Satz wiederholen, den vor über 70 Jahren Carl Denham sprach: „It was Beauty killed the Beast." Angeblich hat sich Jackson bei Mrs. Wray einen Korb geholt. Aber selbst im Falle einer Zusage hätte das Schicksal ungünstig gestanden: Die greise Fay Wray starb wenige Wochen vor Drehbeginn.


Der Autor dieses Artikels schrieb mehrere Beiträge zu dem Buch „Von Neuseeland nach Mittelerde - Die Welt des Peter Jackson" (hrsg. v. Ursula Vossen, Schüren-Verlag, 2004). Einer davon analysiert ausführlich Jacksons ersten Drehbuchentwurf zu „King Kong".


Harald Harzheim


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