Der Höllengott oder 60 Jahre Nag Hammadi


1946, die Ruinen des Weltkriegs und der Vernichtungslager rauchten noch und die Toten warteten auf Zählung. Ein Jahr nach Beendigung jenes unsäglichen Schreckens fanden sich unter einem Felsen der Wüste Nag Hammadi über fünfzig, unscheinbar wirkende, Textrollen in koptischer Sprache. Die Fündigen ahnten nicht die Ungeheuerlichkeit ihrer Entdeckung, benutzten Teile der alten Dokumente sogar zum Teekochen. Aber fachkundige Entzifferungsarbeit ließ schnell erkennen, was die Menschheit hier (zurück-)erhalten hatte: 2000 Jahre alte Schriften der Gnosis in Form von Traktaten, unbekannten Evangelien, Apokalypsen und Liedern. In ihnen fand sich die dringend gewordene Erklärung für das vergangene Grauen und Leiden, an dem sich Soziologie, Politologie und Psychologie bis heute die Zähne ausbeißen. Sie enthielten eine Weltdeutung, die keine Beschönigung, Harmonisierung oder gar Rechtfertigung anstrebte, sondern aus der Erfahrung des Lebens die bittere Konsequenz zog. Diese Welt, so lehrt sie, wurde von keinem guten, sondern einem schrecklichen, einem bösen Gott geschaffen, dessen Hohngelächter mancher Seele schrecklich in den Ohren hallt - während der Großteil der Menschheit sich fruchtloser Hoffnung auf eine bessere Zukunft hingibt und sich von einer Qual zur nächsten, von einer Enttäuschung zur anderen schleppt. Gnosis, das heißt übersetzt: Wissen. Das Wissen, in dieser Welt nicht zuhause zu sein. Die Bewegung der Gnostiker, in viele Subgruppierungen aufgeteilt, bot nun zwei Therapiemöglichkeiten. Den maximalen Rückzug der Seele aus dieser Welt, den - durch Askese erreichbaren - mentalen Tod bereits zu Lebzeiten. Oder das wilde Ausleben der (geschlechtlichen) Triebe, um so zur inneren Ruhe, zum Verlöschen der Lebensglut zu gelangen. Aber auch für die Triebapologeten war Sex nicht in jeder Form, sondern nur als „Perversion” geduldet. D.h. nur in jenen Praktiken, die n i c h t zur Fortpflanzung führen. Denn Zeugung bedeutet, ein neues Wesen in die Weltenhölle zu werfen. Eine Hölle, aus der die Seele erst nach dem Tod, nach dem Verlassen des Leibes, endgültig entfliehen kann. Dann steigt sie auf in den lichten Ursprung, kehrt sie zurück in jene göttliche Sphäre, die über dem bösen Schöpfer steht, um selig in ihr zu verschwinden. Und niemand anders als Jesus Christus war für die Gnostiker der Gesandte jener Lichtsphäre. Jemand, der die Befreiung der Seele aus der Welt des finsteren Gottes predigte. Deshalb verfügt die Gnosis auch über eigene Evangelien wie z.B. das „Thomas-Evangelium”, das „Philippus-Evangelium” oder über ein „Tanzlied Christie”. Kurzum: Die Gnosis ist in vielerlei Hinsicht ein alternatives, „düsteres” Christentum. Eine Religion irdischer Hoffnungslosigkeit, die wie Katholizismus und Protestantismus samt späterer Ableger, die mythologische Person Jesu Christi zu ihrem Mittelpunkt machte. Aber gemäß der beiden konträren Strategien von Triebbewältigung kennt die gnostische Überlieferung sowohl einen asketischen Christus, der reines Licht war und nur einen Scheinkörper besaß, sowie einen libertinen Jesus, der seinen Sperma mit den Worten „Nehmet und esset, das ist mein Leib” darbietet. (Aber egal, ob ätherisch oder als Libertin. In jedem Fall ist der gnostische Christus provokativer als die angestrengten Blasphemien sämtlicher Salon-Satanisten.)
Kein Wunder, daß die frühe katholische Kirche die Gnostiker, die sich Manichiäer oder Katharer nannten, bis auf den Scheiterhaufen verfolgen ließ. Im 14. Jahrhundert vollendete sich das traurige Projekt. Die letzten Katharer wurden im Auftrag des Papstes in ihrer Festung bei Südfrankreich angegriffen und abgeschlachtet.
Bereits frühe Kirchenväter hatten Auseinandersetzungen und Greuelpropaganda gegen die Gnosis zu Papier gebracht. Dadurch, als Zitate, als zu widerlegende Positionen, blieben die Visionen der Gnostiker über Jahrhunderte in den Texten ihrer Gegner erhalten. Und so konnte sich alle Gnosisforschung lange Zeit auf diese indirekten Quellen stützen. Bis - wie gesagt - vor 60 Jahren einige Originaltexte in Nag Hamadi Wiederauferstehung feierten.
Obwohl in ihrer Weltdeutung konkurrenzlos einleuchtend, blieb die Gnosis von Plünderungen durch den westlichen Esoterik-Markt weitgehend verschont, während Buddhismus, Hinduismus u.v.a. dran glauben müssen. Yoga für Mananger, Yin und Yang für Impotente, Reinkarnation für Versager. Alles da. Nur die Gnosis fehlt im spirituellen Discounter. Aber wie sollte der Mensch als das Tier, das sich selbst verarscht, aus dieser Lehre auch spirituellen Honig saugen können? Nein, Gnosis ist eine Subkultur für die Internationale der Verzweifelten. Und selbst wenn man die Texte in Nag Hammadi nicht gefunden hätte und keine kirchliche Polemik erhalten geblieben wäre: Sie würde immer - intuitiv und spontan - neu entstehen. Wie in William Blakes 1794er Vision von einem schrecklichen Weltenschöpfer namens Urizen. Über ihn schrieb der Dichter: „Seht, ein Schatten des Schreckens ersteht / In der Ewigkeit! Ungekannt, unfruchtbar, / Selbstverschlossen, alles zurückstoßend: welch Dämon / Schuf diese abscheuliche Leere, / Dieses seelenerschauernde Vakuum? Manche sagen: / ,Es ist Urizen.’ doch ungekannt, abwesend, / Brütend, geheim, barg sich die dunkle Macht.”
Wobei manch moderne Variante die alte Lehre an schrecklicher Konsequenz noch überbietet. Theodore Roszak erzählt in seinem Roman „Flicker” (1991) - Gnosis und Parsentum miteinander verknüpfend - von modernen Gnostikern, den „Sturmwaisen”, nach denen der Kampf des bösen Schöpfers gegen das gute Göttliche noch nicht entschieden sei. Was aber, wenn der böse Demiurg gewänne? - „Dunkel, Kalt. Tot. Für immer. Alles wäre wie ... schwarzes Eis. Das ganze Universum total ausgebrannt ... Wir würden merken, dass der wahre Gott tot ist. Dass wir verloren sind. Für immer.” Vielleicht ist es schon passiert? Jedenfalls sind die Visionen der Gnosis niemals totzukriegen Sie entstehen immer dort, wo Hoffnung keinen Platz mehr hat. Sie sind das ewige Rufen der Verzweifelten in einem Kosmos, der keine Schreie hört.

Literatur zum Thema:
Peter Sloterdijk, Thomas Macho (Hrsg.): Weltrevolution der Seele, Ein Lese- und Arbeitsbuch der Gnosis von der Spätantike bis zur Gegenwart, 2 Bände, Artemis & Winkler, 1991

Theodore Roszak: Schattenlichter (amerikanischer Originaltitel: Flicker), Heyne-Verlag, 2005


Harald Harzheim


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