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Schönheit, Alter und Tod im Bild der Renaissance Dürers Mutter
 Bildeten Albrecht Dürers Meisterstiche rund um „Melancolia I“ eben noch den Mittelpunkt der Melancholie-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie, leuchtet sein Name nun rot vom Dach der nur ein paar Schritte entfernten Gemäldegalerie. Drei dieser vier Stiche, die in der Neuen Nationalgalerie als Versinnbildlichungen der verschiedenen Temperamente im Laufe eines Lebens dienten, befinden sich auch im Zentrum der Ausstellung „Dürers Mutter“. Sie umrahmen dort das Bildnis, das Albrecht Dürer 1514 von Barbara Dürer, geb. Holper, seiner Mutter, zwei Monate vor deren Tod anfertigte. Ganz dem humanistischen Kunstideal verpflichtet, bildete Dürer die von Krankheit und Leben gezeichnete 63-jährige Frau mit anatomischer Genauigkeit ab – so genau, dass im Ausstellungskatalog anhand des abgemagerten Gesichts, fehlender Muskeln und Fettreserven „Auszehrung (Kachexie) …, möglicherweise durch einen bösartigen Tumor verursacht“, diagnostiziert wird.
Ungewöhnlich für das sechzehnte Jahrhundert war an diesem Porträt außerdem die würdevolle Darstellung eines alten Menschen im Allgemeinen und einer alten Frau im Besonderen. Entsprechend ihrer Rolle im sozialen Gefüge tauchten Menschen jenseits der sechzig in Bildern als zunehmend gebrechlichere und hoffnungslosere Greise auf. Deutlich lässt sich das an den im Kupferstichkabinett ausgestellten Lebensalterzyklen betrachten, die den Verfall im Lebensherbst, das Warten auf den Tod illustrierten. Beigeordnete Tiere symbolisieren wenig schmeichelhafte menschliche Eigenschaften – Geiz, Trägheit, Streitsucht… Balthasar Jenichen kommentierte das Elend des Alters zudem mit kleinen Versen:
70 Iar gottfvrchtig rein,
80 Iar gets am Stebelein,
90 Iar ist Iamer vnd Not,
100 Iar kompt der bitter Tot.
Bzw. für den Mann:
70 Iar ein Greis,
80 Iar nimmer weis,
90 Iar der Kind’ Spot,
100 Iar genat dir Got.
Bilder ungleicher Paare und Bauerngrafiken thematisierten unkontrollierte Altersgeilheit, das Verlangen nach (jungem) Fleisch, das in der Regel nur mit dem Verweis auf den gefüllten Geldbeutel erfüllt werden konnte – der alte Mensch als moralisch unsicherer Kantonist, der nicht erkennen möchte, dass die Uhr in jeder Hinsicht abgelaufen ist. Die Darstellung alter Frauen kulminierte darüber hinaus im bedrohlichen Bild der Hexe, während der alte Mann in der Figur des Eremiten (Antonius, Hieronymus) noch als Sinnbild für Weisheit, Erkenntnis, Vervollkommnung und des Verzichts auf weltliche Versprechen galt.
Zwei der eingangs erwähnten Kupferstiche entstanden übrigens 1514, im Todesjahr von Barbara Dürer: „Melancholia I“ und „Hieronymus im Gehäus“. Während die einen in ihnen die Abbildung der Melancholie und des Phlegmatikers sehen, werden sie hier als Ausdruck von Nachdenklichkeit, Verinnerlichung und des Strebens nach einer idealen Lebensführung interpretiert – ausgelöst durch den Tod der Mutter und naher Freunde.
Unser Juni-Titelbild zeigt Hans Baldung Griens „Tod und Mädchen“ und erinnert daran, dass ersterer sich nicht unbedingt erst im fortgeschrittenen Lebensalter von einem Besitz ergreiftt. Darum am besten heute noch:
Kupferstichkabinett
Matthäikirchplatz / Kulturforum
S+U Potsdamer Platz
Bus M29, M41, M48, 200, 347
Di, Mi, Fr 10-18 Uhr
Do 10-22 Uhr
Sa-So 11-18 Uhr
Pfingstmontag 10-18 Uhr
Di, 6.6. geschlossen
Thomas
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