Mera Luna 2005


Da hat der geneigte Schwarzkittel noch mal Glück gehabt. Ziemlich genau null Sonnenminuten ließen niemanden zu Staub zerbröseln, keine fiesen Garderobenausrutscher zu und auch kein geil-schwarzes, liebevoll eingekauftes Rüschenhemdchen zu einem unschönen, und vor allem ungothicen staublappenfarbenden werden. Einzig das legendäre Vogelnest sah schnell eher nach einem Laichplatz aus. Wetter macht aber nichts, wenn man es nur zu ignorieren weiß. Man spannt die gute Laune auf, die überall sonst in unseren Breiten Regenschirm heißt, und schwanenseet Tango 2000esk über's Bühnchen.
So weit, so egal. Prächtig aufgehübscht schlidderte das M´era Luna ´05-Publikum also über die Hildesheimer Heide und verdeutlichte eindrucksvoll die zunehmende Uniformierung der so called Goth-Fashion. Ringchen, ganz klar ein Muss, ebenso das unvermeidliche “Sonne macht albern”-Nicky und der abschlachtungswürdige “Helga!”-Brüller. Ganz klar also: Alles beim alten.
Sagenhaft langweilig startete dann auch das Festival-Programm mit In Mitra Medus Inri. Anschließend heulten die Hildesheimer Wölfe über die Felder, die man wieder den Nephilim überlassen sollte. Nur, dass es sich hierbei nicht um Hildesheimer und auch nicht um Wölfe, sondern um Osiris Taurus handelte. Allein, dass nach wie vor Volkshochschulenkurse belegt werden müssen, um die Bandnamen einigermaßen flüssig aussprechen zu können, bescheinigt den Protagonisten unbedingte Einfallslosigkeit.
Limbogott. Wenn der Name doch nur Programm wäre. Negative. Ein Lichtblick. Ein grandios an die schlechtesten Zeiten von Guns´n´Roses erinnerndes Klamottendebakel. Autumn, NFD und The Crüxshadows verblassen in der Erinnerung zu einem Konglomerat aus Schrummelgitarren und kongenialen 4/4-Drum-Beats, und das einen in die Zeitschleife wirft, weil Limbogott doch schon erwähnt wurden. The 69 Eyes kriegen den Award für das sinnfreieste Motherfucker-Umsichwerfen. Wenigstens scheinen die noch so was wie den Rock-Mythos zu pflegen.
Das Gehupe von Schandmaul, wie übrigens auch von Faun, Potentia Animi, einigen anderen und speziell Subway To Sally, bleibt hier unkommentiert. Ich will mich nicht strafbar machen. VNV Nation, man beachte bitte den Artikel zum Arvika-Festival in Schweden (online oder vielleicht auch gedruckt), hätten VNV Nationer gar nicht sein können, stehen doch nun vier Menschen auf der Bühne, von der immer noch der gleiche streicherfähige Brei dudelt. Skinny Puppy. Nicht unbedingt schlecht, aber sicher hätten die angeblichen EBM-Heroen es bei einem Auftritt in sieben bis zehn Jahren belassen sollen. Im Rahmen des Dargebotenen aber immer noch weit oben auf der nach unten offenen Langweiligkeitsskala.
Nebenan im Hangar am gleichen Tag: Klimt 1918, Qntal, dann Leaves Eyes und Atrocity. Warum die nicht gleich zusammen spielen, man weiß es nicht. Und dann reichlich Electro-Gebolze, was dann aus der Konserve und in der Disse aufs Äußerste überstrapaziert wurde.
Nächster Tag. Scream Silence um 11:00. Die sind tatsächlich besser geworden. Weniger Musikalismus, mehr Melodie. Bis Zeraphine dann ereignislose Stunden unter reichlich flüssigem Einfluss. Von oben allerdings, obwohl von innen auch nichts geschadet hätte. Nun, Zeraphine eben dann mit Gothics Gnaden ohne Geprassel und mit Girlies Gekreische. Tatsächlich darf man da vorsichtig Parallelen zu den New Kids On The Block ziehen. Als ich die damals in der Deutschlandhalle..., aber lassen wir das. Auch einer der eher höhepunktartigen Auftritte.
Lacuna Coil bedienten sich eher älterem Material und damit auch das Publikum, was sich allerdings angesichts solch dreistem Within Temptation-Diebstahls etwas gewundert haben dürfte. Egal, ob es Lacuna Coil schon ein Weilchen gibt. Musikalisch künstlerisch war mit Deine Lakaien erreicht, was zu erreichen war. Allein, dass die Instrumente bespielt werden konnten, beziehungsweise überhaupt Instrumente benutzt wurden, muss man würdigen. Und ob man sie nun mag oder nicht, hier waren Profis am Werk, die ganz klar immer noch den Abend genießen, an dem sie spielen. Auf ihre Weise rocken die Lakaien irgendwie auch, den derart rockbaren Romantik-Gothic.
Vom Hangar kann man nur sagen, dass ich selten einen größeren Regenschirm gesehen habe. Ob die vielen Menschen dort wegen der Bands waren, bleibt eines der Mysterien des M´era Luna 2005.


the dirkness


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