Love Shack
Sziget 2005


Was ist nicht schon alles über das Sziget-Festival geschrieben worden? Das weitgefächerte Programm, die friedliche, woodstock-este Atmosphäre und die geldbeutelschonenden Preise ließen das alljährlich Anfang August auf der Obudai-Insel (= Sziget) im nördlichen Teil Budapests in der Donau stattfindende Festival zu Zentraleuropas größtem musikkulturellen Event werden. Die 13. Edition fand vom 10. bis 17. August 2005 statt und bescherte den Veranstaltern erneut Besucherrekorde (insgesamt 385 000), die sogar dazu führten, daß am frühen Sonnabendabend keine Tageskarten mehr verkauft wurden, da die Kapazitätsgrenzen der Insel (70k Besucher) erreicht waren.
Musikalisch hatte das Sziget wie jedes Jahr eine Reihe von Highlights zu bieten. Morcheeba, Natalie Imbruglia, The Wailers, The Brand New Heavies, The 69 Eyes, Korn (die entweder technische Probleme hatten oder nicht so recht gewillt waren, ein Konzert abzuliefern), Toy Dolls ("Our Last Tour - May-be"), Mory Kante, Franz Ferdinand, Sportfreunde Stiller, Nick Cave & the Bad Seeds, Yann Tiersen, um nur einige zu nennen. Hervorzuheben wäre vielleicht eine Band, die auf anderen Festivals für gewöhnlich als Headliner spielen, beim Sziget zwar auf der Mainstage agierten, allerdings bereits um 16:30 und auch im englischen Programmheft außer der Listung im Zeitplan nicht näher erwähnt wurden, nämlich Skinny Puppy. Dies tat jedoch den Livequalitäten der Kanadier keinen Abbruch, sie lieferten ein fulminantes Konzert, und nie war es so einfach, es in der ersten Reihe mitzuerleben (und den von Herrn Ogre in die Mengen geschleuderten Matsch abzubekommen). Abwechslungsreich wie die Konzerte waren wie üblich auch die Partymöglichkeiten hinter- bzw. nebenher, von Rock bis Techno, von Metal bis Jazz, von Punk bis Weltmusik, von Karaoke bis Retro war alles vertreten.
Doch Sziget ist weit mehr als ein Musikfestival. Auch in diesem Jahr gab es wieder diverse sportliche Aktivitäten und politische Diskussionen. Innerhalb eines Workshops konnte die ungarische Sprache erlernt werden, um seine Kenntnisse dann etwa im Freiluftkino überprüfen zu können oder sich dort schlicht unsynchronisierten Klassikern wie "Rocky-Horror-Picture-Show" oder "Reservoir Dogs" hinzugeben. Theateraufführungen wie die der französischen Gruppe Dynamogene mit ihren beiden hinreißend autistischen Musikmaschinenbedienern oder den neuesten Abenteuern von Konrad Fredericks' Chaos-Marionette Mr. Punch rundeten das kulturelle Programm anspruchsvoll ab.
Die nicht mögliche Trennung von Zeltplatz- und Veranstaltungsbereich veranlaßte die Veranstalter - sehr zum Ärger der Besucher - in diesem Jahr erstmalig zu einem kompletten Verbot des Einführens von Getränken (sowohl alkoholischer als auch nichtalkoholischer Natur) auf die Insel, wobei diese Regelung für Nichtalkoholika in kleinen Mengen dann nicht so streng ausgelegt wurde. Die Getränkepreise auf der Insel waren mit Ausnahme von Cocktails einheitlich festgelegt worden, lagen - nicht weiter erstaunlich - um ein mehrfaches über den Preisen des ungarischen Einzelhandels, jedoch noch immer deutlich unter dem, was hierzulande auf den Tresen geblättert werden muß. Dagegen erreichten die Preise an den Freßbuden langsam aber sicher westeuropäisches Veranstaltungsniveau. Glücklicherweise gibt es aber noch immer das Hare-Krisna-Zelt, das zweimal täglich eine kostenlose Essensausgabe anbietet und wo bei Interesse zusätzlich noch einiges Grundsätzliches über das Leben in Erfahrung gebracht werden kann, zum Beispiel, daß Töten etwas Schlechtes ist. Essen und ein guter Mensch werden, das ist doch etwas.
Die Duschen sind außer des Nachts und in den frühen Morgenstunden nach wie vor nichts für Warm-, Heiß- oder Kochendheißduscher, sondern eher für Freunde des kühleren Nasses, was bei Temperaturen um die 30 Grad jedoch zumeist erfrischend ist. Womit wir beim Wetter wären, das an fünf von sieben Veranstaltungstagen seinem Namen Kontinentalklima alle Ehre machte. Ansonsten ist das Baden in der Donau noch immer verboten, sogar das Liegen am Strand kann die Funktionsuntüchtigkeit technischer Geräte nach sich ziehen: Zu Risiken und Nebenwirken der Donau fragen Sie das örtliche Gesundheitsamt oder Ihren lokalen Etoile-Reporter.
Fazit: Eine Woche Sziget ist nach wie vor etwas besonderes, auch wenn das Festival in den letzten Jahren vermehrt überfüllt war und nur rechtzeitiges Erscheinen einen optimalen Zeltplatz sicherte. Die zunehmende Kommerzialisierung hat dazu geführt, daß die angekündigten Headliner - anders als in früheren Jahren - auch tatsächlich auftreten. Die Insel darf sich nun ausruhen und regenerieren, bis im August nächsten Jahres wieder Festivalhungrige über sie herfallen werden. See you at Sziget 2006.


Robot-W


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