M´era Luna am 13. und 14.8.2005
Böse Sonne, ganz böse Sonne.


Das M´era Luna. Die Sonnenbank unter den Gruft-Festivals. Selten sah man so viele ruinierte Teints und modische Entgleisungen unter den sonst so wohl garderobierten Goten. Die Exhibitionistenfront kann dort nicht so recht ausgemacht werden, weil beinah jeder seminackend herum läuft. Ein Fest. Und wenn mal nicht die Sonne scheint, kann man den Anmutigen beim, nun nicht gerade Trockenversuch, aber eben doch beim Skateboardtraining ohne Skateboard zusehen. Da wird durch die Gegend geschliddert und gesurft, dass es gleich noch ein Fest, nur eben ein gut befeuchtetes, ist.
Je nun, nachdem sich das Zillo, warum auch immer, aus Hildesheim verabschiedet hatte, schuf die Hamburger Konzert- und Festivalschmiede Scorpio mit dem M´era Luna das zweite Highlight im dunklen Jahr.
Die Legenden, die sich darum ranken sind ähnlich phantasievoll gehalten, wie die um das 2000er Wave Gotik Treffen.
Mittlerweile heißt der Veranstalter fkp-scorpio, weil die ganz "Großen des Heavy Metal", die Hannoveraner Scorpions, bitte nicht mit dem Eishockeyteam aus der zweitödesten Stadt Niedersachsens (hinter Braunschweig) zu verwechseln, offenbar die Leere ihres Klingelbeutels mitbekamen. Da wurden wohl Heerscharen beschlipster Anwälte zwischen H und HH hin- und eben hergeschickt, bis sich die Musikfreunde der erkennbarsten Nähe des Namens und natürlich des Zusammenhangs zu den Musikmachern bewusst wurden und nachgaben. Die Scorpions haben außer einem Sänger, der stets in buntes Leder eingewurstet und an der Wetten, dass...?! Couch festgenagelt ist, nichts zu bieten und folglich auch nichts zu tun. Wie dem allen auch sei.
Die Erstauflage geriet schon allein deshalb grandios, weil sich die als extrem zerstritten geltenden Goth-Überväter The Sisters Of Mercy, Fields Of The Nephilim und The Mission damals die Bühne teilten, ohne sich die Sonnenbrillen von den Nasen zu schubsen. Zwar spielten Wayne Hussey und Andrew Eldritch etwas Kindergarten, und - Legende hin oder her, es passt einfach ins Bild - Carl McCoy wollte angeblich partout nicht am selben Tag wie die Sisters spielen. Doch die Großartig- und wohl auch Einmaligkeit ließ Mitwirkende wie VNV Nation, HIM, Phillip Boa oder Marc Almond wie Statisten erscheinen.
Einzig Dudelsäcke am Morgen, gleichviel wessen nun genau, sind mir noch erinnerlich, weil denjenigen mein ganz und gar undezenter Hass gegen Mittelalterzeug anzulasten ist.
Im folgenden Jahr glänzte Frollein Manson in Divatum. VIP-Dixie, spontanes Fotoverbot, Terminverschiebung und ein lasches Shöwchen. Der Veranstalter wird wissen, warum die Zicke nicht noch einmal auf dem ML anzutreffen war.
Dafür gab´s noch Gary Numan und The Cult, die dann doch nicht spielten, aber der Boa Phillip und die ersten Omen für die Zukunft: allerlei Elektrogeballer, was damals noch Future Pop oder, besser, Weiberelectro hieß...
2002 dann wieder zum gewohnten zweiten August-Wochenende und wieder „The Sister Of Mercy“. Und wieder HIM und irgendwie auch wieder Marc Almond, nur eben mit Dave Ball und als Soft Cell. Zudem das besagte Goth-Gliding in freundlicher Gesellschaft mit zwei Teilen von Ikon, die dieser Tage nicht mehr dabei sind, die Gruftboygroup London After Midnight und weiterhin trendorientierte Steckdosenmusikanten.
In der vierten Auflage erfuhr die dunkle Welt ein wenig Öffnung zum Mainstream. Placebo. Das war ein Wort. Daneben durften Pitchfork, Nightwish, Apocalytica, Lakaien, wieder mal der Zappelphillip (Boa) und wieder mal Within Temptation, lustigerweise Blutengel UND Terminal Choice und andere eher leichtgewichtige, nun ja, Bands verblassen. Für die Freunde des guten alten Gruftrocks legten sich noch die Lorries so lala ins Zeug. Alle lagen Brian Molko zu Füßen, der wie seine beiden offiziellen Mitstreiter hübsch in weiß einfach gezeigt hat, wie es geht. Auch wenn es kurz danach auf der, übr. auch von fkp-scorpio veranstalteten Terremoto-Eintagsfliege noch eine Nummer größeres Kino war.
Im letzten Jahr durfte sich dann die jüngere Generation wohl reichlich freuen. Denn abgesehen von den da schon auf besten Reunionpfaden wandelnden Pink Turns Blue, ließen sich die alten Helden ihren Lack ganz kräftig abkratzen. The Mission im Nachmittagsprogramm mit Schicksalsironie, hatte Wayne Hussey doch bei der erwähnten Erstauflage gemeint, man solle seinen und den Namen Craig Adams im Gedächtnis behalten, sie könnten ja berühmt sein. Eben jener Craig Adams war ihm letztes Jahr schon lange wieder abhold und die so genannte Band besteht seit Jahren aus Schleudersitzpiloten.
Es verzückten,sicherlich mit einem gnadenlos großartigen Auftritt Lacrimosa, Blutengel, Schandmaul, Wolfsheim, Umbra etc. pp.
Geht es nun in die sechste Runde, so darf man sich weiterhin an den Vorjahrestrends orientieren. Also wer wohl? Genau, The Sisters Of Mercy ohne Anzeichen von Korrosion. Knapp sechzehn Jahre nach der letzten regulären Langspielplatte, die damals auch noch eine solche war, werden sich wieder zwei, drei Stücke finden lassen, von denen Andrew Eldritch denkt, das Publikum kenne sie nicht. Dass es davon bereits so viele gibt, um damit mehrere nunmehr CDs zu füllen könnte, nun ja.
Die übr. auch im ereignisreichen Festivalsommer 2000 (nach damals neun Jahren) wieder auferstandenen Skinny Puppy werden vermutlich Hildesheim auch ganz hübsch auf den Kopf stellen, während sich die Schar der weiteren Bands in den Reigen der M´era Luna Möbel einreiht. Kaum jemand also, der dort nicht schon irgendwie gespielt hätte. NFD beispielsweise, die damals noch Carl McCoy und gute Songs hatten und eben Fields hießen, könnte man so sagen. Leaves Eyes hießen auch mal anders (Theatre Of Tragedy) und waren damals genauso mit Atrocity verbandelt wie unter dem neuen Namen, wohl weil den Frontpersonen ein Paar Ringe gehört, gemeinsam.
The Klinik, Crüxshadows, Subway To Sally, Schandmaul, Zeraphine, Diary Of Dreams, Hocico, Deine Lakaien, Scream Silence und natürlich die Erfinder des Weiberelectro, VNV Nation.
Fazit: Was böse Zungen abwechslungsarm oder, noch schlimmer, einfallslos nennen, kann man positiv betrachtet auch so sehen: Wer dort spielt, gehört offensichtlich zu den Konstanten im schwarzen Universum. So oder so sieht es auch in diesem Jahr danach aus, dass dem M´era Luna die ehrenvolle Aufgabe übertragen ist, den dunklen Festivalsommer abzuschließen. Ob es dafür schönes Wetter gibt, weiß der Papst.


the dirkness


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