Der Fluch des Zombies


Als Griot aus seiner Hütte stolperte, konnte er kaum noch stehen. Seine Beine, seine Arme, all das gehörte ihm nicht mehr, war seinem Willen unerreichbar geworden. Endlich brach er in die Knie. Staub wirbelte auf. Dann beugte sich der Kopf ruckartig und wie von unsichtbarer Hand gestoßen nach vorn. Griot erbrach, dass es sein Schreien fast erstickte. Als wenn der Körper sich nicht bloß von einem Gift, sondern gleich von allem Inneren befreien wollte. Wie sein Kinn auf den Boden schlug und er reglos liegenblieb, schäumte nur noch blutiger Brei aus reglosen Mundwinkeln.
Die Dorfbewohner, vom furchtbaren Gebrüll aufgeschreckt und herbeigeeilt, bildeten einen schweigenden Kreis der Angst um den Verendendeten. Niemand näherte sich dem Leichnam mehr um einen Schritt. Erst als der greise Priester langsam und zittrig zu den Verängstigten trat, brach das Schweigen.
„Wieder ein Toter. Der Dritte in zwei Tagen.”, rief eine. Ein anderer: „Das war s i e. Wir dürfen sie nicht leben lassen!”
Der Priester sah dem zweiten Zwischenrufer ins Gesicht: „Es ist”, sprach der Alte, „uns von den Göttern verboten, einen Zombie zu töten.”
„Sollen wir denn warten, bis sie uns alle ermordet hat?”
„Wir werden uns bestimmt nicht retten, wenn wir den Zorn der Götter herausfordern”, donnerte der Greis, „Außerdem, wie kann sie es gewesen sein. Sie hat seit dem Verlust ihrer Seele das Dorf nicht mehr betreten?”
„Gerade du weißt doch von der Kraft der Seelen!”
„Niemand, weder wir noch unsere Vorfahren, sah jemals, dass ein Zombie einen Menschen getötet hat. Sie haben keine Seelen, keinen Willen mehr.”
„Wenn sie es nicht war, wer dann?!”
Erneut angstvolles Schweigen, bis der Priester versprach, die Götter am kommenden Morgen in einer Zeremonie zu befragen.

Eine halbe Stunde später saßen sich mehrere Männer in einer dunklen Hütte gegenüber. Die wenigen Strahlen des Mondlichts, die durch das kleine Fenster fielen, reichten gerade, um sich an der Silhouette zu erkennen.
„Der Priester glaubt uns nicht, wir müssen selber handeln.”
„Wir bringen ihr kein Essen mehr. Selbst ernähren kann sie sich nicht.”
„Das dauert zu lange! Bis sie verhungert ist, kann sie noch viele von uns ermordet haben.”
„Was dann? Sie direkt töten?”
„Sie umbringen? Das könnte ich nicht...”
„Aber hat der Priester nicht gesagt, dass sie keine Seele mehr hat?”
„Wir hatten den Mut, ihr die Seele zu nehmen. Jetzt müssen wir auch den Mut haben, ihr den Leib zu nehmen.”
„Er hat recht. Vor allem: Haben wir nicht allen Grund dazu? U n s e r Leben ist durch sie in Gefahr.”
„Wer von uns geht also morgen zu ihr?”, fragte der Älteste und hob einen Dolch.
„Ich.”, rief der junge Binda, - und hatte allen Grund dazu. Einer der Toten war sein Vater.
„Nimm dieses Messer. Aber schau ihr vorher nicht in die Augen.”
Binda griff nach der Waffe, betrachtete sie und versuchte, das Zittern zu unterdrücken, das ihn überkam.

Wenige Stunden später, im frühen Morgengrauen, schlug Binda sich mit dem scharfen Dolch durch das Gesträuch. Er brauchte nicht lange zu suchen. Bereits nach einer halben Stunde sah er sie. Bewegungslos stand die junge Frau da. Der todbringende Zombie, im Körper wie im Blick gleichermaßen erstarrt. Wie sollte sie in diesem Zustand jemandem Leid zufügen können? - dachte er, um den Einwand sogleich beiseite zu schieben. Solche Skrupel waren gefährlich. Vielleicht war dieser Gedanke bereits ein Zauber von ihr? Sagte man nicht, dass sie durch die Macht ihres Geistes bezwinge? Denk an deinen toten Vater! Gewaltsam schob er jeden Zweifel beiseite. Tumb wie ein rasendes Tier rannte er auf sie zu, holte weit aus. Aber zustoßen konnte er nicht mehr. Jemand hielt seinen Arm mit eisernem Griff. Blitzschnell schoss Binda herum und erschrak. Er erkannte den jungen Ndoré, den Verlobten des seelenlosen Mädchens. Dessen Blick sprühte vor Zorn. Er entriss dem Rächer die Waffe, warf ihn zu Boden, stürzte sich auf den Schockgelähmten und drückte ihm die scharfe Klinge direkt an den Kehlkopf.
Keine Bewegung mehr!”, keuchte Ndoré.
„Lass mich los! Dieser Zombie muß sterben! Sie ist gefährlich.”
Ndoré drückte ihm das Messer noch tiefer ins Fleisch. Binda japste nach Luft. Ein Millimeter tiefer und der Kehlkopf würde reißen.
„Ich werde dich loslassen - wenn du dich beruhigt hast.”, ließ Ndoré ihn wissen. Binda zwang sich, die Muskeln zu entspannen und den Atem zu drosseln. Langsam wie skeptisch zog der Angreifer die Waffe zurück und erhob sich. „Du bleibst liegen!”, rief er. „Ich werde dir jetzt etwas erzählen. Du musst nichts anderes tun als mir zuzuhören. Danach kannst du gehen.”
„Ich verstehe nicht...”
„Wenn du meine Geschichte vernommen hast, wirst du sie nicht mehr töten wollen.”
Zusammenreißen!, befahl sich Binda. Vielleicht hat er beim Erzählen einen Moment der Unaufmerksamkeit...
„Die Frau, die du hier siehst, Aissata, vor nicht langer Zeit war sie noch meine Verlobte. Du weißt, warum sie zombifiziert wurde?”
„Weil diese Hure drei Männer nacheinander verführt hat!”
„Das glaubte ich auch. Deshalb wandte ich mich von ihr ab und überließ sie unserem verfluchten Stamm. Die drei Männer klagten Aissata an; sie wurde für schuldig befunden und bekam diesen schrecklichen Trank, der sie in diesen Zustand versetzte. So eine Strafe hatte sie nicht verdient, - selbst wenn wenn man sie zu Recht beschuldigt hätte. Und ich habe dieses Verbrechen, das selbst der Priester billigte, nicht verhindert! Von meiner Schuld gequält, schlich ich nachts hierher, wollte um Verzeihung bitten. Auch wenn ich wußte, dass sie mich nicht mehr hören würde. Vielleicht, so hoffte ich, könnte ihre Seele mich verstehen und mir vergeben. Ich suchte sie also und fand sie hier. Aber was sah ich! Einer der drei angeblich Verführten war heimlich bei ihr. Nahm sie. Vergewaltigte sie. Sie konnte ja nicht mehr abwehren. In der nächsten Nacht kam der zweite, in der folgenden der dritte. So wechselten sie sich ab... Sie hatten meine junge, schöne Verlobte begehrt, aber nicht bekommen. Also erfanden sie schmutzige Lügen um meine Aissata, beschuldigten sie der Verführung. Denn sie wussten, wie man sie bestrafen würde. Auf dass die drei Verbrecher dann, in aller Heimlichkeit, das verfluchte Begehren an ihr stillen konnten.”
Binda war wie gelähmt. „Ja, dein Vater hat meine Verlobte zerstört, um sich an ihr zu befriedigen!”, schrie Ndoré ihm ins Gesicht.
„Du lügst!”
„Ich bin auf deinen Glauben nicht angewiesen. Ich kann dich immer noch töten!”
„Ich weiß nur eins. Dass mein Vater tot ist. Wie die anderen beiden! Griot war vor wenigen Stunden der letzte. Dann hast du sie getötet!”
„Ich weiß nicht, ob ich es war, oder sie selber”, fuhr Ndoré in mattem Tonfall fort. „Hör zu, wie sie starben und dann urteile selber. Ich nahm ein Gift, das tödlichste und furchtbarste, das ich kannte und schmierte es meiner Verlobten auf die Brustwarzen und auf das Geschlecht. Wie erwartet, kamen sie wieder. Sie packten, entkleideten und leckten. Leckten ihre Haut, leckten das Gift, während sie... Sie leckten und starben... einer nach dem anderen. Alle drei. Das Gift wirkt mit Verzögerung. Sag mir, durch wen sind sie nun gestorben?”
Binda schwieg. Ihm wurde schwindelig. Was ihn jetzt im Griff hatte, war keine Angst, - es war die finsterste Leere.
„Mit Griot ist die Rache vollendet. Es wird keine weiteren Toten mehr geben.” Ndoré wandte sich zur Seite: „Geh jetzt.”
„Und wenn ich im Dorf deine Geschichte erzähle...?”, flüsterte Binda wie im Fieber.
„... wird man dir nicht glauben. Außerdem werde ich jetzt verschwinden. Für immer. Meine Rache ist vollendet und ich kann bei diesem verfluchten Stamm nicht länger bleiben. Also geh jetzt. Ich halte mein Versprechen. Das Sterben ist zuende.”
Binda sah ihn hasserfüllt an.
„Verschwinde!”, rief Ndoré, dabei mit dem Messer drohend. „Solltest du mich verfolgen, um deinen verbrecherischen Vater zu rächen, dann nimm dich in Acht. Selbst wenn es dir gelänge, der Zorn der Götter läge auf dir.”
Binda erhob sich schweigend und schleppte sich mehr als dass er ging.
Aissata sah ihm nach. Mit einem Blick, der Überall nur Dunkel sah.

E-N-D-E


Harald Harzheim


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