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Zwillingsblut
 Unsere Geschichte spielt vor über 70 Jahren, im sonnig verdreckten Kalifornien. Genauer gesagt in Hollywood, auf dem Studiogelände der Metro Goldwyn Mayer. Regisseur Tod Browning saß erschöpft im Klappstuhl. Soeben war eine Drehpause ausgerufen worden und die gesamte Crew stürmte in Richtung Kantine. Aber diesmal hielten die Kameramänner, Beleuchter und Statisten noch mehr Abstand zu den Schauspielern, als es ohnehin üblich war. Man kann sogar sagen, dass die Darsteller diesmal aufs Panischste gemieden wurden. Das lag aber keineswegs an der Allmacht und dem Charisma einer Diva, die der Crew Furcht und Respekt abverlangt hätte. Nein, es war der blanke physische Ekel. Der pure Anblick der Schauspieler, eingekaufte Zirkus-Freaks, brachte die Hochglanz-Nervensysteme der Studioteams an den Rand der Eskalation. Auf dem Gelände wimmelte es nur so von spinnigen Beinen, nadelköpfigen Mädchen, Torsi, Männern ohne Unterleib, vollbärtigen Frauen, vertikalen Hermaphroditen, Kleinwüchsigen und - einem siamesischen Zwillingspaar, Violet und Daisy Hilton.
Die Produktionsleitung hatte den Horrorveteranen Browning beauftragt, einen Film zu drehen, der selbst Kassenknaller wie "Dracula" oder "Frankenstein" aus dem Rennen würfe. Der tat wie ihm befohlen und setzte auf die Grausamkeit der Natur. Aber mit jedem Drehtag, mit jedem Ausstieg eines Mitarbeiters, der den Anblick natürlicher Deformation nicht mehr ertrug, mehrte sich der Schweiß auf der Stirn der Studiobosse. Ein Zurück war jedoch völlig unmöglich. Zu sehr hatte man durch gezielte Pressekampagnen die Öffentlichkeit skandalisiert, einen emotionalen Stau aus Abscheu und Geilheit errichtet, von dem man hoffte, dass er sich in einem sensationellen Kassenerfolg entladen werde. Und bislang gab es keinen Grund, diese Zuversicht aufzugeben.
Browning hatte soeben die Szene abgedreht, in der die Freaks bemerkten, dass die schöne Trapezschwingerin Cleopatra einen der ihren vergiften wollte. Zwei Stunden hat es gedauert, bis die Einstellung im Kasten war. Hungrig zwängten sich Violet und Daisy, am Rücken zusammengewachsen, durch den engen Gang zur Kantine. Wenn Violet einen Schritt vor machte, mußte Daisy den Rückwärtsgang einlegen, und umgekehrt. Dass sich beide nicht sehen konnten, wurde durch hohe Sensibilität füreinander und lebenslange Kenntnis wettgemacht. Jede spürte die kleinste psychische Regung der Schwester. Ganz zu schweigen von hormonellen Schüben, Angstattacken oder Adrenalinstößen, die keine der Beiden erleben konnte, ohne die Andere via Blutbahn daran teilhaben zu lassen.
"Violet!" rief es hinter ihnen her. Beide drehten sich um. Abgehetzt kam Ernest Young, Beleuchtungssassistent und Violets Verlobter angestolpert. "Ich muß dich unbedingt sprechen..."
"Okay, komm mit in die Kantine."
"Nein, nicht vor allen anderen."
"Dann muß es warten", rief Violet genervt, "ich hab" nämlich Hunger."
"Violet, es ist ernst. Es geht um uns... Bitte!" Ernest wirkte derart erbärmlich, dass seine Verlobte schließlich unter lautem Stöhnen nachgab, während Daisy ihre Wut schweigend in sich hinein fraß. Natürlich wurde sie nicht gefragt.
Ernest deutete mit zitterndem Finger in Richtung Lampenlager. Violet folgte ihm mit harten Schritt und zog die mürrische Daisy hinter sich her. Lautlos öffnete Ernest die Schiebetür der menschenleeren Halle und winkte das Zwillingspaar hinein. Im Inneren stapelten sich die Scheinwerfer bis unter die Decke auf Regalen. Auch Stative standen kreuz und quer im Raum verteilt.
Ernest schluckte verlegen.
"Jetzt red' schon endlich!", forderte Violet aggressiv.
"Es... es ist aus zwischen uns!", würgte Ernest heraus. Violet stand wie schockgefrostet da, auch Daisy war benommen. "Wiederhol'... das... bitte", keuchte Violet. Ernest blickte verlegen zu Boden. "Es ist vorbei!", wiederholte er mit Nachdruck. Innerhalb einer Sekunde war sich Violet aller Konsequenzen dieses Satzes bewußt. Gewiß, Ernest mochte kein Traummann sein, aber was konnte sie schon erwarten...? Zwar hatte sie ein hohes Maß an physischer Schönheit zu bieten, aber welcher Mann war bereit, konsequent auf Zweisamkeit zu verzichten? Nicht mal so ein ewiger Verlierer wie Ernest! Mochten die Männer auch von Dreiern träumen: Sobald diese Konstellation zum Zwang wurde, sehnten sie sich nach altmodischer Intimität.
"Wegen welcher?", fragte Violet mit eisiger Schärfe.
"Sie arbeitet hier als Statistin.", gab Ernest verlegen zurück.
Violet lachte verächtlich. "Als ob du irgend eine andere als mich kriegen könntest! Um sich mit dir abzugeben, muss man emotionalen Notstand haben!" Es folgte eine gigantische Schlacht mit vergifteten Vokabeln. Ernest, nicht gerade sprachgewandt, entlud seine Anspannung in einer schallenden Ohrfeige auf Violets Wange.
Plötzlich spürte Daisy eine Vibration im Körper ihrer Schwester, die ihr bis dahin unbekannt war. Sie ahnte, dass Schlimmes passieren würde. Tatsächlich hatte sich Violets Hassrausch derart gesteigert, dass sie nach einem Gegenstand suchte. Zuschlagen! Egal womit. Dort, ein Kabel, das drei Regale höher in einem Scheinwerfer mündete... Violet zog daran, mit aller Kraft. Wie ein Felsbrocken rollte die schwarze Lampe vom Regalbrett und stürzte innerhalb einer Sekunde auf den Schädel des untreuen Liebhabers. Birne sowie Deckglas bersteten und Scherben spritzten durch den gesamten Raum. Ernest brachte nur die Andeutung eines Schreies heraus, dann sank er zu Boden. Aber Violets Blutrausch war damit keineswegs beruhigt. Sie beugte sich hinab, hob eine Scherbe auf, trat zu Ernest und schnitt ihm damit die Kehle auf. Wie ein lustiger Springbrunnen sprudelte sein Blut empor. Daisy, mitgerissen, hatte den Boden unter den Füßen verloren und schrie. Die Stelle, an der beide zusammengewachsen waren, die Schnittstelle des Schicksals, schmerzte brutal.
Es sollte zehn Minuten dauern und Ernests gesamtes Blut aus seinem Körper geflossen sein, bis das Paar langsam wieder zu sich kam. Aber es war nicht nur der Anblick des Todes, des verspritzten Blutes, der Angst auslöste. Violet verstand nicht, dass all das ihr Werk gewesen sein sollte, während in Daisy Ängste vor juristischer Verfolgung aufstiegen. "Aber du bist es doch nicht gewesen", tat Violet die Furcht ihrer Schwester ab.
"Glaubst du, man würde dich verschonen, nur weil deine Bestrafung auch mich träfe? Wenn du Lebenslänglich kriegst, muss ich mit dir in den Bau. Und wenn man dich..." Hier schwieg Daisy. Todesasangst überkam sie. Sie sah ein Ungeheuer in schwarzer Robe vor sich, der mit kaum verhohlener Freude ein Todesurteil gegen zwei Mißgeburten aus- und damit dem Volk aus der Seele sprach. Durch Passivität habe sie sich mitschuldig gemacht, lautete seine lapidare Rechtfertigung.
So wurden sich beide schnell einig, den Mord nicht einzugestehen und den Tatort so unauffällig wie möglich zu verlassen.
Im Studiogelände war es still, die Mittagspause beendet und der Dreh im vollen Gange. Das Zwillingspaar schlich in die Gaderobe, wechselte die Kleidung und eilte zum Set.
"Da seid ihr ja endlich!", rief der Regieassistent genervt. "Eine Viertelstunde zu spät!"
"Tut mir leid", gab Violet geistesgegenwärtig zurück, "aber Daisy hat mal wieder Dünnschiss. Und da kann ich das Klo auch nicht verlassen."
Es dauerte keine Stunde mehr, bis Ernests Leichnam gefunden war und die Nachricht seines Todes im gesamten Studiogelände der M.G.M. die Runde gemacht hatte.
Noch am gleichen Abend lud die Polizei sämtliche Angehörige der Produktion zum Verhör. Violet gab sich so ahnungslos sowie untröstlich. Schließlich habe Ernest sie heiraten wollen. Daisy bestätigte wortwörtlich die Aussagen ihrer Schwester. Dabei spürte sie das kalte, überlegene Lächeln des Kommissars, der zurückgelehnt an seiner Zigarrette zog. Irgendetwas schien er zu wissen und genüßlich auf den Moment zu warten, um sein Ass ausspielen zu können. Als das Zwillingspaar seine Version vorgetragen hatte, drückte er triumphierend seine Zigarrette aus und sprach, als verkünde er eine Lapalie: "Übrigens, wußten Sie, dass Ihr Verlobter Ernest Young neben Ihnen noch eine weitere Freundin hatte?"
"Was? Ich verstehe nicht...", spielte Violet die Überraschte.
"Nun ja, vor einer Viertelstunde habe ich die Statistin Georgina House vernommen. Sie erzählte, dass der Ermordete Sie verlassen wollte. Frau House als Nachfolgerin sollte Ihren Platz einnehmen."
Viloet sah ihn erstaunt an. "Davon hat er mir nichts erzählt."
Auch Daisy spielte die Ungläubige.
Der Kommissar beugte sich vor: "Jedenfalls hat der Halunke seine gerechte Strafe erhalten, oder?"
"Was wollen Sie damit sagen?", fuhr Violet ihn an.
"Nichts", sagte er mit undurchsichtiger Miene, "überhaupt nichts. Ich danke Ihnen für Ihre Mitarbeit. Sollten wir Ihre Hilfe nochmal benötigen, rufen wir Sie an. Mein Beileid, Mrs. Hilton."
"Der weiß alles!", wimmerte Daisy verzweifelt auf dem Heimweg. Eine ächzende Straßenbahn transportierte das Zwillingspaar durch die glühend heißen Straßen von L.A. Überall wimmelte es von Menschen: Fußgänger, Auto- und Motorradfahrer. Keiner von ihnen hatte einen Mord begangen. Keiner zweifelte ihr Lebensrecht an. Niemand wollte sie bestrafen oder gar liquidieren - Die beiden jungen Frauen fühlten sich inmitten dieses Meeres von Unschuldigen noch einsamer als zuvor. Daisy war kreidebleich.
"Verlier' jetzt bloß nicht die Nerven. Was sollte er gegen uns in der Hand haben? Der blufft nur. Eifersucht ist schließlich ein gängiges Motiv. Fast jeder Film handelt davon. Ist doch klar, dass er es in Erwägung zieht.", zischte Violet.
"Dass wir zwei Tage Drehpause haben, macht alles nur noch schlimmer. Zuhause fällt mir die Decke auf dem Kopf." In den nächsten Tagen hing Daisy wie ein Bleiklumpen am Körper ihrer Schwester.
Der folgende Drehtermin stand unter einem schlechten Stern. Als Violet und Daisy das Studio betraten, lief ihnen Gorgina House über den Weg. Sie wußte nicht, welche ihre Rivalin gewesen war und starrte deshalb beide erwartungsvoll an. Die mieden den Blickkontakt. Wegen d e r war es also dahin gekommen! S i e hatte er vorgezogen! Sie, deren einziges Verdienst darin bestand, nicht mit einer Zwillingsschwester verwachsen zu sein.
Trotz Daisys Apathie gegenüber Ernest schien er ihr nun seltsam vertraut. Auch wenn sie beim Sex zwischen ihm und Violet stets bekleidet blieb - war sie physisch doch so nah, dass versehentliche Berührungen unvermeidlich blieben. Mehr noch: Wenn Violet zum Orgasmus kam, flossen die Hormone durch die gemeinsame Blutbahn auch in ihren Körper. Sie kannte seinen Atem und sein Lustgeschrei. So wie Ernests Sperma über Violets Schleimhaut auch in ihren Organismus gelangte. Daisy selbst hatte nie einen Liebhaber. Zwei potentielle Interessenten wurden durch Violets aggressives Verhalten definitiv verschreckt. All das führte dazu, dass Daisy jetzt gegenüber Georgina House so etwas wie Eifersucht empfand.
Natürlich war der Tod des jungen Beleuchtungsassistenten weiterhin Gesprächsthema Nummer 1 auf dem Set. In den letzten zwei Tagen hatte die Polzei das Studiogelände besetzt und Spurensicherung betrieben. Für Ernests Tätigkeit war bereits ein Nachfolger im Einsatz, dicklich und mit Stoppelhaar. Sein Ekel vor den deformierten Schauspielern war nicht zu übersehen. Er versuchte nicht einmal, seine Apathie zu verbergen. Als er Violet und Daisy sah, schien sein Maß voll zu sein. Er erbrach sich, worauf man ihn aus dem Studio warf. "Nehmt's nicht tragisch", tönte der Skelettmann mit den Spinnenbeinen, "bei mir hat er auch kotzen müssen."
Browning filmte an diesem Tag die Rache der Freaks an der schönen Trapezschwingerin Cleopatra. Die hatte zuvor einen der ihren ausgenutzt und vergiftet. Die Revanche sollte laut Drehbuch in einer stürmischen Gewitternacht und zwischen den Zirkuswagen vollzogen werden. Man hatte den Studioboden mit Schlamm bedeckt, durch den die Freaks von allen Seiten und mit Messern bewaffnet auf ihr Opfer waten sollten. Der Beleuchter probierte die Blitzeffekte aus. Rache! Strafe! Überall. Daisy weinte. Ihre Angst, dass die Justiz auch ihren Tod in Kauf nehmen würde, nur um Violet hängen zu können, verdichtete sich zur Gewissheit. Sie hasste ihre Schwester, hasste die ganze Welt. Und beschloss, allen zuvorzukommen.
Am Abend saßen Violet und Daisy in der Badewanne. Weniger um sich zu säubern als wegen der Kälte, die sich an diesem Sommertag in Daisy ausbreitete. Das Wasser dampfte vor Hitze. Neben der Wanne lagen immer noch das Rasiermesser, ein Handtuch und die Zahnbürste von Ernest. Nachher, so sagte sich Violet, würde sie das alles wegwerfen. Es war der letzte Gedanke, bevor die Augen ihr zufielen. Die vergangenen Tage waren anstrengend und Daisys weinerliche Panik hatte auch ihr den Schlaf gekostet. Im Traum lief sie über ein blühendes Feld, allein, ohne ihre Schwester. Endlich war sie frei! Sie rannte und rannte. Aber nur kurze Zeit. Plötzlich fühlte sie sich schwer, alle Glieder schienen mit Blei behangen. Es zog sie zu Boden. Als Violet die Augen öffnete, saß sie in einer Wanne voll Blut. Panisch wollte sie aufspringen, aber es gelang ihr nicht. Der Körper war wie gelähmt. Sie rief nach ihrer Schwester, die sie nicht mehr spürte.
"Beruhige dich", hörte sie Daisys unendlich leise Stimme, "es ist ohnehin zu spät."
"Was passiert hier!" fragte Violet, während ihre Augen den Körper absuchten, aber keine Wunde fanden.
"Ich hab' mir mit Ernests Rasiermesser die Adern aufgeschnitten. Ich kann nicht mehr."
"Und mich ziehst du mit?"
"Hast du dir jemals diese Frage gestellt, wenn es um mich ging...?"
"Bind dir sofort die Arme ab! Sofort!", krächzte Violet im gebrochenen Befehlston.
"Nein. Leb' wohl, jetzt haben wir beide endlich Ruhe... Endlich..."
"Ich will noch nicht", protestierte Violet.
Aber Daisy hörte sie nicht mehr. Bald schon schwammen sie in dem Blut, das zuvor durch beider Adern geflossen war und sie untrennbar aneinander gekettet hatte.
ENDE
Harald Harzheim
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