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Das Bildnis der Madame Aurelie
Zu Tode erschöpft lehnte Dr. Tardier sich zurück. Er hatte die ganze Matraze mit Blut vollgekotzt. Langsam sickerte es in die schmutzige Schlafstätte. Bald wird es vorbei sein. Im Dämmerlicht der Mansarde starrte der Todkranke auf seine quaderförmige Konstruktion, deren glänzendes Metall sie wie einen Fremdkörper in der staubig-dreckigen Wohnstätte wirken ließ. Das wenige Geld, das er besaß, hatte Dr. Tardier für Bauteile ausgegeben. Warum in eine bequeme Wohnstätte oder gar medizinische Behandlung investieren, wenn die Krankheit ohnehin unheilbar war? So stand jetzt sein Lebenswerk in der Mitte des Raumes, sein Triumpf über den Zerfall. Eine Maschine, die in der Lage war, ein frisch entnommenes Gehirn am Leben zu halten, dessen Gedankenströme zu interpretieren und auf einem flackrigen Lichtschirm sichtbar zu machen. Sie ermöglichte Gedankenlesen mittels Analyse der biochemischen Denkprozesse, das totale Eindringen in die tiefste und geheimste Sphäre des Menschen! Sogar gegen den Willen des Analysierten. Schließlich ist das Gehirn, das die Maschine mittels Nahrungs- und Blutzufuhr lebendig hält, ohne Körper völlig wehrlos. Mit dieser Erfindung, so hoffte Dr. Tardier vor Jahren, würde seine Armut endlich ein Ende haben. Regierungen aller Länder sollten ihm Höchstpreise dafür zahlen. Aber auch reiche Privatleute, getrieben von selbstzerstörerischer Gier, die lebenserhaltende Dualität von Gesagtem und Gedachtem endlich einzureissen.
Trotz Vollendung seines Lebenswerks, spürte der todkranke Dr. Tardier keinen Frieden. Es war jetzt 17 Uhr. Um 20 Uhr hebt das „Grand Guignol Theatre"(1) seinen Vorhang und s i e würde die Bühne betreten, die letzte Liebe seines kurzen wie einsamen Lebens. Keine Vorstellung mit Madame Aurelie wollte er verpassen und hatte tatsächlich keine einzige versäumt, seit die Inszenierung von "Les Deux orphélines" auf dem Spielplan stand, - seit drei Wochen also. Aber heute mußte er fernbleiben. Zu sehr hatte die Tbc ihn geschwächt. Keine drei Schritte waren mehr möglich, auch die erlösende Absinth-Flasche am anderen Ende des Zimmers schien unerreichbar weit. Doch schlimmer noch als das Unvermögen, die unerreichbare Bühnenkünstlerin heute anstarren zu können, schien Dr. Tardier der Gedanke, daß sich sein Zustand vielleicht nie mehr bessern könnte. Möglicherweise war der heutige Blutsturz eine Einleitung in die Endphase seines Leidens, von der es keinerlei Erholung mehr gab. Die Angst schwoll so sehr an, daß er sämtliche Kraft zusammenriss, auf den vieren zu der Asinthflasche kroch, sie zitternd an die blutigen Lippen setzte und sich mit gierigen Schlucken ins Vergessen soff.
Als Dr. Tardier am nächsten Vormittag erwachte, fühlte er sich zu seiner Überraschung wie von den Toten auferstanden. Voller Kraft, die er im Schlaf auf geheimnisvolle Weise wiedergewonnen hatte, bestaunte er sich selbst als medizinisches Wunder. Vor allem war er glücklich darüber, heute Abend wieder das „Grand Guignol Theatre" aufsuchen zu können. In neun Stunden war es soweit. Mit einer für ihn ungewöhnlichen Leichtigkeit eilte er die - sich über sieben Stockwerke ziehende - steile Treppe hinunter. Zum ersten Mal seit einer Woche hatte er wieder Hunger. Sein letztes Geld würde er für eine kleine Leckerei aus der Boulangerie ausgeben. Als er den verspiegelten Hauskorridor im Erdgeschoss durchschritt, sah er sein ausgemergeltes Gesicht, die zersausten Haare und seine schwarzumrandeten Augen. Wie schnell ein Körper doch zerfallen kann. Noch vor zwei Tagen schien die äußere Erscheinung dem Leiden unerbittlich zu trotzen. Nun aber hatte sie sich dem Todesurteil gebeugt und verschwieg es nicht länger.
Auf der Straße lief ein Zeitungsjunge mit einem Packen Frischgepresster umher. Dabei schrie er so atemlos wie monoton: „Theaterskandal! Schauspielerin nackt im Grand Guignol!" - Eine Nachricht, die Dr. Tardier wie ein Raubtier ansprang. Das Fieber schien zurückzukehren. Er zitterte, stürzte zu dem Schreier, riss ihm ein Exemplar aus der Hand und warf ihm seine letzten Geldstücke hin. Er ging keine zwei Schritte weit, blieb achtlos auf der Straße stehen und las: „Das Grand Guignol, mit seinen geschmacklosen Blutorgien eine dauernde Gefährdung unserer Sitten, hat gestern die letzte Schamgrenze überschritten. Bei einer der widerlichen Folterszenen verlor die Hauptdarstellerin, Madame Aurelie, ihr Kleid. Aber das Schlimmste: Sie war darunter splitterfasernackt. Empörte Reaktionen der Zuschauer und die jämmerliche Entschuldigung des Theaters auf S. 3." Schwindel überkam Dr. Tardier. Madame Aurelie nackt und er krank in seiner Grabkammer. Ausgerechnet an diesem Tag. Nie würde sich dieser Zufall wiederholen. Hektisch blätterte er zur Seite 3. Wieder erschrak er. Denn die erste Reaktion stammte von einem Monsieur Binet: „Ich kann nicht sagen, wie angewidert ich von diesen Vorfall bin. Das Theater stellt ihn als peinliches Versehen hin. Aber selbst dann ist es unerhört, daß sich eine Frau ohne Unterkleidung auf die Bühne wagt. Was im privaten Alltag unschicklich ist, gilt erst recht für Auftritte in der Öffentlichkeit. Hätte sie Unterkleidung getragen, wäre der Verlust des Kostüms nicht so schlimm und entschuldbar gewesen. Man sollte das Theater schließen und dieses Pack auf die Straße werfen!" Dr. Tardier war sprachlos. Er kannte diesen Binet. Er war der Eisenhändler, bei dem er Bauteile für seine Maschine erworben hatte. Ein einsamer, verschlossener Mann. Dr. Tardier konnte die Erregung des Eisenhändlers geradezu physisch nachempfinden. Nicht eine Sekunde lang nahm er dagegen dessen moralinverseuchtes Geschwafel ernst. Nein, der mußte in seiner Einsamkeit von diesem Anblick geradezu besessen sein! Diese Momentaufnahme von Madame Aurelie. Noch war sie ungetrübt im Gehirn Binets. Umgeben und geschützt von Haut und Schädelknochen. An dieses Bild mußte er kommen. Noch bevor es sich trüben konnte. Also noch heute!
„Ah, Dr. Tardier. Wie geht es Ihnen?" empfing Binet seinen treuen Kunden im Geschäftsbüro.
- „Seit einigen Tagen kann ich wieder arbeiten, außerdem verfüge ich auch über ein wenig Geld", log Tardier zurück.
- „Das hört man gern."
- „Natürlich wird ein beträchtlicher Teil meines derzeitigen Vermögens wieder zu Ihnen fließen..."
Dr. Tardier begann dem interessiert lauschenden Eisenhändler zu erklären, daß er für seine Konstruktion noch ergänzender Teile bedürfe, die man aber speziell an deren Eigentümlichkeit anpassen müsse. Um sich darüber ein Bild machen und die nötigen Details notieren zu können, solle Monsieur Binet ihn doch bitte in seiner Mansarde aufsuchen. Wenn möglich sofort. Schließlich läge seine Wohnstätte nur drei Straßen entfernt. Monsieur Binet, der Dr. Tardier als guten Kunden zu respektieren wußte und ohnehin neugierig war zu erfahren, woran dieser bizarre Mensch in den letzten Jahren so verzweifelt gearbeitet hatte, beschloss seine Mittagspause für einen Geschäftsbesuch bei dem seltsamen Erfinder zu nutzen. Obwohl es auffiel, daß Dr. Tardier, der ihn sonst kaum eines Blickes würdigte, sein Gesicht diesmal mit unheimlicher Intensität fixierte. Geradezu durchdringend.
Draußen regnete es so stark, daß Monsieur Binet den Termin verschieben wollte. „Nein, bitte...", stammelte Dr. Tardier dringlich, „ich möchte die Bestellung heute noch aufgeben. Die Maschine muß Ende des Monats fertig werden." Monsieur Binet seufzte, zog sich den Zylinder auf und beide eilten schweigend über den nassen Boulevard. Endlich gelangten sie zu dem dunklen, brökligen Haus, in dem sich die Wohnstätte Dr. Tardiers befand. Monsieur Binet wollte zuerst nicht glauben, daß sein Kunde in so einem Gemäuer wohnte. Dr. Tardier verteidigte sich, daß er sein geringes Geld nicht für Mietkosten verschleudern könne. Aber Monsieur Binet war von der schimmeligen Ruine derart angewidert, daß er zögerte, sie zu betreten. Dr. Tardier muß es aber trotzdem gelungen sein, ihn zu überreden - denn der Eisenhändler galt seit dem Tag als verschollen.
Zwei Wochen später war das alte Haus so stark von Verwesungsgeruch durchdrungen, daß ein Hausbewohner die Poliziei verständigte. Vier Gendarmen brachen die Mansardentür auf und der Anblick, der sich jetzt bot, blieb nicht nur ihnen, sondern auch allen später hinzugezogenen Gutachtern uninterpretierbar: Monsieur Binet lag mit aufgeschlagenem Schädel und enthirnt auf dem Boden. Die Verwesung hatte das Fleisch schon fortgeschritten paralysiert und an vielen Stellen die Knochen freigelegt.
Der tote Dr. Tardier saß in furchtbarer Krampfhaltung vor einer großen Metallapparatur. Sein Kopf lehnte gegen den zertrümmerten Lichtschirm, dessen Glasplatte in Form von Scherben mitten in der eingetrockneten Blutfütze lag, die der Erfinder kurz vor seinem Ableben erbrochen haben mußte. Das starre Gesicht Dr. Tardiers - oder was davon übrig war - wies Züge extremster Verzweiflung auf. Als man die Maschine auseinandernahm fand man in ihr das halb verfaulte Gehirn Monsieur Binets. Niemand konnte sich auf all das einen Reim machen: Nicht auf die Maschine und nicht auf das, was Dr. Tardier versucht und vielleicht sogar erreicht hatte. Auch die getrockneten Spermaflecken auf Dr. Tardiers Kleidung wirktn in dem Zusammenhang nur verwirrend.
Obwohl oder gerade weil sich nichts erklären ließ, wuchsen die Spekulationen der Presse ins Phantastische. Das reichte vom homosexuellen Eifersuchtsdrama bis zum versuchten Okkult-Kannibalismus. Der Fall sorgte mehrere Wochen für Schlagzeilen. André de Lorde, Hausautor des „Grand Guignol", sammelte sie und verknüpfte sie ein halbes Jahr später zu einem blutigen Horrordrama. Da aber kein Drama ohne Frauenrolle auch nur die geringste Aussicht auf Erfolg hat, ließ de Lorde noch eine Heldin miteinfließen. Gespielt wurde sie natürlich von dem neuen weiblichen Star des Hauses - Madame Aurelie.
E - N - D - E
(1) Das „Grand Guignol" war ein berühmtes Pariser Horrortheater, das Ende des 19. Jahrhundert gegründet wurde und sich bis in Ende der 50er Jahre erfolgreich halten konnte.
Harald Harzheim
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